Beitrag von Otto Bruckner, Vorsitzender der Partei der Arbeit Österreichs (PdA), im Rahmen der Veranstaltung “90 Jahre Spanischer Krieg: Proletarischer Internationalismus, Volksfront und Revolution”, Wien, 12. September 2026.
Genossinnen und Genossen, Freundinnen und Freunde,
wir sind heute zusammengekommen, um die Erinnerung an den spanischen Bürgerkrieg wachzuhalten, und um jener Österreicherinnen und Österreicher zu gedenken, die zwischen 1936 und 1939 im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik kämpften.
Wir ehren Menschen, die verstanden hatten, dass Geschichte nicht neutral ist, sondern — wie Marx und Engels zu Anfang des Kommunistischen Manifests schrieben — „die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen“ ist.
Dieser Satz ist nicht nur ein theoretischer Ausgangspunkt. Er ist auch der Schlüssel zum Verständnis der österreichischen Spanienkämpfer. Denn ihr Weg nach Spanien war kein Zufall, kein romantisches Abenteuer, kein Ausbruch aus dem Alltag. Er war die logische Konsequenz aus den Klassenkämpfen, die die österreichische Arbeiterbewegung seit dem Ende des Ersten Weltkriegs geprägt hatten.
Die historische Schule der österreichischen Arbeiterklasse
Die österreichischen Spanienkämpfer kamen aus einer Generation, die die großen Kämpfe der Zwischenkriegszeit nicht nur erlebt, sondern aktiv mitgestaltet hatte.
Sie hatten die Rote Garde von 1918 erlebt, gegründet unter Egon Erwin Kisch, als die Arbeiterklasse versuchte, die Revolution gegen Reaktion und Sozialdemokratie zu verteidigen.
Sie hatten die Ungarische Räterepublik 1919 unterstützt, als 1.200 österreichische Kommunisten unter Leo Rothziegel nach Ungarn zogen, um die Seite an Seite mit den ungarischen Genossen zu kämpfen.
Sie hatten die Julirevolte im Gefolge des Schandurteils zu den Morden von Schattendorf 1927 erlebt, als die bürgerliche Staatsmacht 84 Menschen ermorden ließ — ein Massaker, das die Arbeiterklasse radikalisierte und die Spaltung zwischen reformistischen und revolutionären Kräften vertiefte.
Und sie hatten den Februaraufstand 1934 geführt — den ersten bewaffneten antifaschistischen Widerstand in Europa. Nach den Februarkämpfen war die Arbeiterbewegung nicht mehr dieselbe. Tausende Sozialisten wechselten unter Bedingungen der Illegalität zur bis dahin kleinen Kommunistischen Partei, während die große Sozialdemokratie sich zuerst vom grünen und dann vom braunen Faschismus geschlagen gab.
Diese Kämpfe waren die Schule, aus der jene hervorgingen, die später nach Spanien gingen. Sie hatten gelernt, dass Faschismus nicht aus dem Nichts entsteht, sondern die brutalste Form der Herrschaft des Kapitals ist. Sie hatten gelernt, dass die Bourgeoisie im Moment der Krise bereit ist, jede demokratische Fassade zu zerstören, um ihre Macht zu sichern. Und sie hatten gelernt, dass die Arbeiterklasse nur dann stark ist, wenn sie sich nicht auf bürgerliche Parteien verlässt, sondern auf ihre eigene organisierte Kraft.
Der Faschismus als Ausdruck der imperialistischen Krise
Lenin hat den Imperialismus als „höchstes Stadium des Kapitalismus“ bezeichnet — ein Stadium, in dem Monopole, Finanzkapital und koloniale Expansion die politische Agenda bestimmen.
Der spanische Faschismus war kein isoliertes Phänomen. Er war Teil einer europäischen Entwicklung, die von Italien über Deutschland bis nach Österreich reichte. Er war die Antwort der Bourgeoisie auf die Krise des Kapitalismus, auf die Stärke der Arbeiterbewegung, auf die Möglichkeit revolutionärer Veränderungen.
Die österreichischen Spanienkämpfer verstanden das. Sie sahen in Spanien nicht einen „fernen Konflikt“, sondern die Fortsetzung des Februar 1934 mit anderen Mitteln. Sie wussten, dass ein Sieg Francos ein Sieg Hitlers und Mussolinis war — und damit eine Niederlage der internationalen Arbeiterklasse.
Die Kommunistische Internationale: Theorie und Praxis des proletarischen Internationalismus
Die Kommunistische Internationale war die einzige Organisation, die die Lage richtig analysierte. Sie erkannte:
- dass der Faschismus ein internationales Phänomen ist,
- dass der Kampf gegen ihn international geführt werden muss,
- dass die Arbeiterklasse nicht auf die Bourgeoisie hoffen darf,
- und dass die Verteidigung der spanischen Republik ein zentraler Bestandteil des weltweiten Klassenkampfes war.
Die Internationalen Brigaden waren der militärische Ausdruck dieser Analyse. Zum ersten Mal in der Geschichte bildeten Arbeiter aus über 50 Ländern eine gemeinsame militärische Kraft, die nicht im Auftrag eines Staates, sondern im Auftrag der internationalen Arbeiterbewegung kämpften.
Die österreichischen Freiwilligen waren ein besonders starkes Kontingent. Rund 1.400 Österreicher schlossen sich den Brigaden an — ein außergewöhnlich hoher Anteil für ein Land mit damals nur 6,7 Millionen Einwohnern. Über 70 Prozent von ihnen waren Kommunisten.
Die KPÖ, damals illegal und verfolgt, organisierte ihre Wege, stellte Papiere, Geld und Kontakte bereit. Das war gelebter proletarischer Internationalismus — nicht als Phrase, sondern als Praxis.
Die Rolle der Sowjetunion: Internationalismus als Staatsdoktrin
Genossinnen und Genossen,
keine Würdigung des antifaschistischen Kampfes in Spanien ist vollständig ohne die Anerkennung der Rolle der Sowjetunion.
Die Sowjetunion war:
- der einzige Staat, der der spanischen Republik substanzielle militärische Hilfe leistete,
- der einzige Staat, der Waffen, Flugzeuge, Panzer und Ausbilder entsandte,
- der einzige Staat, der die Brigaden politisch, organisatorisch und logistisch unterstützte,
- und der einzige Staat, der die Verteidigung der Republik als Teil des weltweiten Kampfes gegen den Faschismus begriff.
Während die bürgerlichen Demokratien — Frankreich, Großbritannien, die USA — eine Politik der „Nichteinmischung“ betrieben, die in Wahrheit eine Einmischung zugunsten Francos war, stellte die Sowjetunion klar:
Der Sieg des Faschismus in Spanien ist ein Sieg des Faschismus in Europa.
Die sowjetische Unterstützung war nicht fehlerfrei, aber sie war entscheidend. Ohne die Sowjetunion hätte die Republik den Krieg nicht drei Jahre lang durchhalten können. Ohne die Sowjetunion hätte es keine Internationalen Brigaden gegeben. Ohne die Sowjetunion wäre der antifaschistische Widerstand in Spanien isoliert geblieben.
Die österreichischen Brigadisten wussten das. Viele von ihnen sahen die Sowjetunion als das einzige Land, das die Arbeiterklasse nicht verraten hatte, das einzige Land, in dem seit der Oktoberrevolution von 1917 die Arbeiterklasse die Macht hatte; ja mehr noch: für nicht wenige von Ihnen war die Sowjetunion nach 1934 zur zweiten Heimat geworden und sie kamen von dort nach Spanien.
Die Kämpfe: Madrid, Jarama, Guadalajara, Brunete, Teruel, Ebro
Die österreichischen Freiwilligen kämpften in den härtesten Schlachten des Krieges:
- in Madrid, wo die Republik dem faschistischen Angriff standhielt,
- am Jarama, wo die Brigaden den Vormarsch der Franco-Truppen stoppten,
- in Guadalajara, wo die italienischen Faschisten ihre erste große Niederlage erlitten,
- in Brunete und Belchite, wo die Brigaden schwere Verluste erlitten,
- in Teruel, wo der Winterkrieg die Kämpfer an die Grenze ihrer Kräfte brachte,
- und am Ebro, wo die letzte große Offensive der Republik stattfand.
Das österreichische Bataillon „12. Februar“ — benannt nach dem österreichischen Arbeiteraufstand — umfasste zeitweise fast 1.200 Mann. Es war eines der stärksten Bataillone der Brigaden und ein Symbol dafür, dass die österreichische Arbeiterklasse ihren Kampf international fortsetzte.
Frauen im antifaschistischen Kampf
Oft wird vergessen, dass auch Frauen eine bedeutende Rolle spielten — in Spanien wie in Österreich.
Sie waren:
- Sanitäterinnen,
- Kurierinnen,
- Organisatorinnen,
- Kämpferinnen,
- und politische Aktivistinnen.
Viele österreichische Frauen unterstützten die Brigaden aus der Illegalität heraus, organisierten Fluchtwege, stellten Papiere bereit, sammelten Geld, schrieben Berichte, hielten die Strukturen der KPÖ aufrecht. Auch in der Anlaufstelle der Interbrigadisten in Paris zählte eine österreichische Genossin zu den wichtigsten Organisatorinnen.
Der Beitrag der Frauen war unverzichtbar — und er zeigt, dass der antifaschistische Kampf immer ein Kampf der gesamten Arbeiterklasse war.
Opfer, Verfolgung, Kontinuität des Widerstands
Viele der Spanienkämpfer fielen. 256 Österreicher starben im Kampf. 458 wurden später von den deutschen Faschisten in Konzentrationslager deportiert, 84 dort ermordet.
Andere kämpften nach 1939 weiter:
- in der Illegalität,
- in der Roten Armee,
- in jugoslawischen Partisaneneinheiten,
- in österreichischen Widerstandsgruppen und im österreichischen Freiheitsbataillon.
Viele wurden nach der Niederlage der Republik in französische Internierungslager verschleppt, wo sie unter katastrophalen Bedingungen ums Überleben kämpften. Und viele kehrten nach 1945 nach Österreich zurück — oft unter Misstrauen, politischer Verfolgung oder gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Die Bedeutung ihres Vermächtnisses heute
Genossinnen und Genossen,
die Geschichte der österreichischen Spanienkämpfer ist nicht nur Erinnerung — sie ist Auftrag.
Sie zeigt uns, dass die Arbeiterklasse international handeln muss, wenn sie international angegriffen wird. Sie zeigt uns, dass Faschismus nicht durch Appelle besiegt wird, sondern durch entschlossenen Widerstand. Sie zeigt uns, dass die Kommunisten — und niemand sonst — die Hauptkraft des antifaschistischen Kampfes bildeten.
Und sie zeigt uns, wie Geschichtsschreibung funktioniert: Die bürgerliche und sozialdemokratische Historiografie hat die Rolle der Kommunisten jahrzehntelang verzerrt oder verschwiegen. Man sprach lieber über „Einmischung“ als über Opfer. Man sprach lieber über angebliche „Verbrechen“ als über jene, die gegen den Faschismus kämpften, während andere kapitulierten.
Wir aber sagen klar: Die österreichischen Spanienkämpfer waren Kämpfer für die Freiheit Spaniens und Österreichs. Sie waren Internationalisten, die verstanden hatten, dass der Kampf gegen Faschismus und Kapitalismus ein und derselbe Kampf ist. Sie waren Teil der internationalen Arbeiterbewegung — und ihr Vermächtnis gehört uns.
Die heutige Partei der Arbeit Österreichs
Genossinnen und Genossen,
wenn wir heute der österreichischen Spanienkämpfer gedenken, dann ehren wir nicht nur die Vergangenheit — wir sprechen über unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Denn ihr Vermächtnis ist kein musealer Gegenstand, kein historisches Andenken, das man einmal im Jahr hervorholt. Ihr Vermächtnis ist ein Auftrag, ein Maßstab, ein Korrektiv, ein Kompass für die heutige Partei der Arbeit.
Die Spanienkämpfer zeigen uns:
- dass die Arbeiterklasse nur dann stark ist, wenn sie organisiert ist,
- dass Internationalismus nicht aus Worten besteht, sondern aus Taten,
- dass der Kampf gegen Faschismus untrennbar mit dem Kampf gegen den Kapitalismus verbunden ist,
- dass die Avantgarde der Arbeiterklasse eine Partei braucht, die klar, diszipliniert und theoretisch gefestigt ist,
- und dass die Kommunisten — und niemand sonst — die historische Verantwortung tragen, die Arbeiterklasse zu führen, weil sie eine kompromisslose Klassenpartei sind.
- Niemals vergessen: Die Interbrigadisten gehören zum Besten, das die Arbeiterbewegung in Österreich und in Europa jemals hervorgebracht hat.
Für die heutige PdA bedeutet das:
1. Festigkeit in der Theorie
Die Spanienkämpfer waren keine Abenteurer. Sie waren Menschen, die verstanden hatten, dass der Marxismus‑Leninismus nicht nur eine Analyse, sondern eine Anleitung zum Handeln ist. Die PdA muss diese theoretische Klarheit bewahren und vertiefen — gegen alle Versuche, den Marxismus zu verwässern oder zu entpolitisieren.
2. Konsequenz im Klassenstandpunkt
Die Brigadisten wussten, dass die Arbeiterklasse keine „Mitte“ braucht, keine „Versöhnung“, keine „sozialpartnerschaftlichen Kompromisse“. Sie braucht eine Partei, die ihren Interessen dient — kompromisslos, unabhängig, klar.
3. Internationalismus als Praxis
Heute bedeutet das:
- Solidarität mit allen Völkern, die gegen Imperialismus kämpfen,
- Klarheit gegenüber der EU als imperialistischer Kriegstreiberallianz
- Ablehnung jeder Kriegspolitik, der Hauptfeind steht im eigenen Land und in der EU!
- und Aufbau internationaler Beziehungen zu kommunistischen Parteien und Arbeiterorganisationen.
4. Kampf gegen Faschisierung und Militarisierung
Wir erleben erneut:
- Militarisierung der EU,
- Aufrüstung,
- Einschränkung demokratischer Rechte,
- Repression gegen linke Bewegungen.
Die PdA muss hier die klare Stimme sein, die sagt: Faschismus ist keine Meinung, sondern die terroristische Herrschaft des Kapitals.
Aber: Nichts alles was bürgerlich-rechts ist ist faschistisch. Der inflationäre Gebrauch des Faschismusbegriffs ist falsch und Ausdruck mangelnder Analysefähigkeit.
5. Aufbau der Partei
Die PdA muss wachsen — nicht um der Größe willen, sondern um der historischen Aufgabe willen. Sie muss:
- Die Verbreitung der Zeitung der Arbeit verbessern und ausbauen,
- Ihre Ausstrahlung erhöhen
- neue Mitglieder gewinnen,
- politische Bildung vertiefen,
- den Marxismus-Leninismus als Analysewerkzeug gebrauchen
- ihre Strukturen, die innere Solidarität, den Zusammenhalt stärken,
- die Arbeiterklasse organisieren.
- Den proletarischen Internationalismus leben und fördern. Als Teil der kommunistischen Weltbewegung, der Europäischen Kommunistischen Aktion Schulter an Schulter mit Parteien wie der Partei der Arbeiterklasse Spaniens, die Kommunistische Partei der Arbeiter Spaniens, deren Vertreterin, Genossin Eva García de Madariaga heute noch zu uns sprechen wird.
6. Mut zur Wahrheit
Die Brigadisten kämpften, weil sie wussten, dass die Wahrheit nicht von Mehrheiten abhängt, sondern von der historischen Notwendigkeit. Sie waren Akteure und Subjekte der Geschichte, nicht Objekte, die man beliebig drangsalieren und unterdrücken kann.
Die PdA muss diesen Mut bewahren und weitertragen.
Genossinnen und Genossen,
die meisten der österreichischen Spanienkämpfer waren Kommunisten, die verstanden hatten, dass die Geschichte von Klassenkämpfen gemacht wird — und dass man sich entscheiden muss, auf welcher Seite man steht.
Sie entschieden sich für die Arbeiterklasse. Sie entschieden sich für den Sozialismus. Sie entschieden sich für den Internationalismus. Sie entschieden sich für den Kampf.
Und diese Entscheidung ist auch unsere.
Die heutige Partei der Arbeit steht in ihrer Tradition — nicht als nostalgische Erinnerung, sondern als lebendige Verpflichtung. Wir tragen ihre Fahne weiter, nicht weil wir sie romantisieren, sondern weil wir wissen, dass ihr Kampf unser Kampf ist.
Denn eines bleibt gültig, damals wie heute:
Für Spaniens und Österreichs Freiheit — für die Freiheit und den Sieg der Arbeiterklasse überall auf der Welt!
Für den Sozialismus. Für die internationale Solidarität.
Venceremos!




















