Einheit und Widerspruch – Heft 1: Vorwort

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EW_Header„Kurzum: Die Organisierung der kollektiven Ausarbeitung der erforderlichen revolutionären Weltanschauung ist wesentlich Aufgabe der Partei der Arbeit. Zentrales Organ zur Erfüllung dieser Aufgabe ist die ‚Einheit und Widerspruch‛.“
siehe auch „Theoretisches Organ der PdA in Vorbereitung
„Was lachst du so gegen den Wind?“(1)
Die Welt kann sich mitunter sehr schnell drehen – in beide Richtungen.
Ihre momentane Drehrichtung ist evident. Die weltpolitische Lage ist besorgniserregend. Der Imperialismus wütet: Er sät Chaos, führt Krieg und bombardiert Länder, er stützt offen Faschisten an der Macht – und mögliche Szenarien für einen dritten Weltkrieg liegen in den Schubladen. Die derzeitige imperialistische Hauptmacht USA hat ihren Zenit überschritten, während andere Länder und Regionen zunehmend an Stärke gewinnen – nicht zuletzt deshalb wird sie immer unberechenbarer. Angesichts ihres jährlichen Rüstungsbudgets, das mehr als ein Drittel der weltweiten Rüstung ausmacht, ist ein Ende der weiteren Verschärfung der Aggressivität dieses Regimes kaum abzusehen. Mit ihm ist die von Deutschland geführte EU verbündet, die gleichzeitig jedoch anstrebt, selbst zur führenden imperialistischen Macht zu werden.
Von den sich fast überall rasant verschärfenden Repressionen, dem sich beschleunigenden Sozialraub sowie der fundamentalen Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur ganz abgesehen…
Der Widerstand gegen diese Entwicklungen ist vorhanden und formiert sich. Doch gerade in den imperialistischen Zentren verläuft er bisher innerhalb enger Grenzen.
Nicht gerade die besten Voraussetzungen – wenn es heute doch nicht mehr nur darum geht, die kapitalistische Barbarei durch den menschenwürdigen Sozialismus abzulösen, sondern um die Frage, ob die Menschheit den Übergang zum Sozialismus überhaupt schaffen wird. Die Alternativen wären die – zumindest weitgehende – Selbstvernichtung der Menschheit oder eine Einzementierung der Klassenherrschaft dergestalt, dass ein emanzipatorischer Bruch unmöglich wird.
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, dichtete Hölderlin. – Und allerdings, die Welt kann sich auch in die andere Richtung drehen, und der Richtungswechsel kann sogar jene zutiefst überraschen, die ihn selbst führend mitbewirken.
Noch Anfang 1917 referierte Lenin im Schweizer Exil vor jungen ArbeiterInnen über die russische Revolution von 1905 und meinte dabei: „Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben.“ (2) Anderthalb Monate später fand in Russland die Februarrevolution statt, weitere anderthalb Monate später veröffentlichte Lenin die berühmten Aprilthesen. Von da an sollte es nur noch ein halbes Jahr bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution dauern, im Zuge derer der erste sozialistische Staat ausgerufen wurde.
Doch wie unerwartet der so bitter nötige Umschwung auch kommen kann – er hat jedenfalls seine Voraussetzungen!
„Ich lache, weil meine Sinne alle beisammen sind!“
Wesentliche Voraussetzung für den so bitter nötigen Umschwung ist, dass sich der bloße Wunsch nach einer humanen Gesellschaftsordnung, der nicht weiß, wie er da denn hinkommen soll, konkretisiert, eine konkrete Zielvorstellung entwickelt und daraus den richtigen, weil direktesten Weg zum Ziel herleitet. Die meisten Menschen wissen schon jetzt oder schon längst, dass es so wie es ist nicht weitergehen kann, dass der Kapitalismus nur Unheil bringt. Aber sie kennen keine Alternative. Die bloß abstrakte, unbestimmte Negation des Bestehenden muss negiert werden – eine Position ist vonnöten!
Die konkrete, bestimmte Negation des Bestehenden, des Kapitalismus, ist aus der geschichtsphilosophischen Bestimmung unserer Epoche sowie aus der Analyse der ökonomischen Beschaffenheit des Kapitalismus abzuleiten – wodurch sodann gezeigt werden kann, dass es sich bei ihr notwendigerweise um den Sozialismus handelt. Dessen allgemeine und konkrete Charakteristika und Verwirklichungsbedingungen müssen in weiterer Folge ebenso bestimmt werden, und zwar in einer orientierenden, überzeugenden und mobilisierenden Weise: „Erst dann, wenn diese neue Weltanschauung – kritisch gegenüber der bisherigen, positiv in der Setzung von Alternativen – die Massen ergreift und sie mit einem neuen Ethos erfüllt, ist die Situation auch für den Übergang zu einer neuen Gesellschaftsordnung reif.“ (3)
Der Kampf für den Sozialismus muss daher zur Position all jener werden, die den Kapitalismus überwinden wollen. Nur auf der Grundlage einer gemeinsamen Position lässt sich überhaupt sinnvoll gemeinsam kämpfen. Wenn es heute aber darum geht, die Welt so grundlegend zu ändern, wie sie noch nie zuvor bewusst verändert wurde, werden viele kämpfen müssen. Es wird viele brauchen, die dieselbe einheitliche Position einnehmen, während sich diese gleichzeitig nicht auf Allgemeinplätze beschränken wird können, sondern sukzessive ins Detail gehen muss. So grundlegend und umfassend, wie die Welt bewusst praktisch verändert werden muss, so grundlegend und umfassend muss sie erst theoretisch erfasst werden.
Die erforderliche revolutionäre Theorie kann nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern in nur Vermittlung mit dem bereits vorhandenen revolutionären Wissen. Sie wird daher wesentlich marxistisch-leninistische Theorie sein, denn Marx (und Engels) und Lenin waren es, die die Fundamente für jegliche revolutionäre Theorie des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus gelegt haben. Dennoch ist der Marxismus-Leninismus kein mystisches Geheimwissen, welches es nur noch zu verbreiten gälte, um schließlich die sozialistische Revolution lostreten zu können. Wir müssen auf diese Fundamente erst aufbauen, und auch sie selbst sind vermutlich nicht hundertprozentig richtig gelegt. Man wird dem Marxismus-Leninismus nicht gerecht, wenn man ihn bloß anwendet, sondern nur, wenn man ihn auch laufend weiterentwickelt.
Dieser „Kampf um eine ‚wissenschaftliche Weltanschauung‛ der Arbeiterklasse, den Kommunisten seit Marx und Engels geführt haben, ist kein nebensächliches Zubehör der politisch-sozialen Bewegung, sondern eine der konstitutiven Bedingungen ihres Erfolgs.“ (4)
Denn: „Um die Hegemonie in einer Gesellschaft zu erringen und zu behaupten, ist es also nötig, eine die Massen ergreifende und von ihnen als Ausdruck ihrer Erfahrungen und Interessen zu begreifende Weltanschauung zu entwickeln, die die vielen Lebensbeziehungen, in denen jeder einzelne steht, integrieren kann.“ (5)
Als Kommunist oder Kommunistin weiß man um die organisierende, vereinheitlichende und mobilisierende Rolle einer solchen Weltanschauung, die „die Wirklichkeit erklären, Verhaltensweisen orientieren und gesellschaftliche Ziele setzen können [muss], das heißt sie muss ein historisch vermittelter politisch-ethischer Entwurf sein.“ (6)
„Und weil wir weiterkamen, und weil die Welt sich dreht, und weil mein Heizer von Flammen und Dampfkesseln was versteht!“
Die Ausarbeitung der erforderlichen revolutionären Weltanschauung ist selbst eine revolutionäre Tat an historischer Front. Diese Ausarbeitung kollektiv zu organisieren ist wesentlicher Teil der Aufgabe derer, die in der vordersten Reihe der historischen Front stehen, der Avantgarde, die theoretisch die Verwirklichungsbedingungen des historischen Fortschritts, des Sozialismus, der Revolution, am genauesten kennt und praktisch ihre ganze Kraft zur Erfüllung dieser Bedingungen einsetzt. Diesen Aufgaben muss in organisierter Form nachgegangen werden – aber welche bestimmte Organisation ihr in einem bestimmten Land zu einem bestimmten Zeitpunkt am besten nachkommt, kann selbstverständlich nicht per Dekret beschlossen werden. Sie wird sich erst durch ihre Kämpfe auf allen drei Feldern des Klassenkampfes – dem ideologischen, dem politischen und dem ökonomischen – bewähren müssen, um als Avantgarde erkannt und anerkannt zu werden. Avantgarde zu sein, ist aber ein Anspruch, den man an sich stellen kann – und zwar ein notwendiger Anspruch für jede kommunistische Partei! Auch die PdA erhebt ihn daher: „Die Erkämpfung des Sozialismus ist nicht ohne eine ideologisch festgefügte und kampferprobte kollektive Avantgarde möglich, eben nicht ohne jene revolutionäre Partei, die wir sein und werden wollen.“ (7)
Kurzum: Die Organisierung der kollektiven Ausarbeitung der erforderlichen revolutionären Weltanschauung ist wesentlich Aufgabe der Partei der Arbeit (8). Zentrales Organ zur Erfüllung dieser Aufgabe ist die „Einheit und Widerspruch“.
Wenn nun aber die Avantgarde eine ideologische Einheitlichkeit erfordert, die über das Allgemeine hinaus und sukzessive immer mehr ins Detail gehen muss, wie oben bereits erläutert, wodurch die ideologische Einheitlichkeit nicht nur beibehalten, sondern gefestigt werden soll, und sie gleichzeitig versuchen muss, durch Gewinnung neuer Mitstreiter und Mitstreiterinnen, welche in die gefestigte ideologische Einheitlichkeit einzubeziehen sind, immer stärker zu werden, so sticht eine Sache unmittelbar ins Auge: Es steht uns noch jede Menge theoretischer Arbeit bevor! Sie steht nicht über, aber vor der Überzeugungsarbeit, denn man muss zuerst wissen, wovon genau man die Menschen eigentlich überzeugen möchte.
Der weltanschauliche Konsens einer Partei widerspiegelt sich in ihrem Programm, dieses ist die fixierte Form ihrer aktuellen ideologischen Einheitlichkeit. Es soll genau jene Erkenntnisse umfassen, hinter die niemand zurückfallen darf, der oder die Mitglied dieser Partei sein möchte. Dieser Konsens und diese Einheitlichkeit können jedoch nur entstehen und sich fortentwickeln, wenn unterschiedliche Ansichten, die es in der Partei über die verschiedensten Fragen (die noch nicht im Programm beantwortet wurden) gibt, formuliert, artikuliert und diskutiert werden, auf dass sie voneinander lernen, falsche Ansichten überwunden werden können und sich eine immer klarere Parteilinie über alle Aspekte der politischen Arbeit und der Welt im Ganzen herauskristallisiert.
Diese notwendigen Diskussion und der damit zusammenhängende Theoriebildungsprozess müssen einen institutionalisierten Rahmen haben, in welchem alle Mitglieder zu Wort kommen können und sollen, welcher aber dann auch laufend von allen Mitgliedern studiert wird.
Das theoretische Organ wird folglich einer der zentralen Bestandteile des Parteilebens werden müssen.
Dazu gehört unter anderem, dass es zu einem Fixpunkt aller Grundorganisationen werden muss, sich regelmäßig und gemeinsam mit den Inhalten der „Einheit und Widerspruch“ zu befassen und darüber zu diskutieren. Die Ergebnisse dieser Diskussionen müssen dann in die Gesamtpartei getragen werden.
„Menschen geistig führen (also Hegemonie ausüben) und sie organisieren, ist ein und dasselbe“ (9), die Hegemonie wiederum ist „das Resultat der organisierten Massenbewegung, die aus einem aktiven, Theorie und Praxis vereinigenden Kern hervorgeht. Sie zu erringen hat zur Voraussetzung, dass die Organisation als ganze und – wenn auch in verschiedener Weise und Ausprägung – in jedem einzelnen ihrer Mitglieder zum bewussten Organ der Weltanschauung, gleichsam zum ‚Gesamtintellektuellen‘ der Gesellschaft wird.“ (10)
Diese Organisation – also zugleich die Organisation der Heizerinnen und Heizer, die von Flammen und Dampfkesseln etwas verstehen – will die Partei der Arbeit Österreichs sein und werden.
von Stefan Klingersberger
für die Programmkommission der Partei der Arbeit Österreichs.
Anmerkungen
(1) Zwischenüberschriften aus: Heinz Rudolf Unger, Jalava-Lied, von den Schmetterlingen vertont siehe http://​bitly​.com/​a​r​3​xMX
(2) Wladimir Lenin: Ein Vortrag über die Revolution von 1905, Lenin Werke Band 23, siehe http://​bit​.ly/​1​r​B​O​Gc7
(3) Hans Heinz Holz, Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie 2, Theorie als materielle Gewalt – Die Klassiker der III. Internationale, Berlin 2011, Seite 72.
(4) Ebenda, Seite 76.
(5) Ebenda.
(6) Ebenda.
(7) Aufruf der Programmkommission an alle Parteimitglieder: Für eine lebendige Theorie-Praxis-Einheit!, siehe Seite 3 der vorliegenden Ausgabe der Einheit und Widerspruch.
(8) „Daher kann man sagen, dass die Parteien die Ausarbeiter der neuen integralen und ganzheitlichen Intellektualität sind.“ Holz 2011, 81.
(9) Ebenda, 81.
(10) Ebenda, 82.