Einige Aufgaben unserer theoretischen Arbeit

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ew_klein_neu„Nur eine Bewegung, die die Überlegenheit ihrer wissenschaftlichen und moralischen Weltanschauung gedanklich durchgearbeitet vorstellen und überzeugungskräftig verbreiten kann, wird die Gesellschaft verändern können.“ (1)
Wer nicht weiß, wer er/sie ist, woher er/sie kommt und wohin er/sie will, wird niemanden überzeugen, mitzugehen. Wenn wir möglichst viele von der Arbeiterbewegung, vom Sozialismus, von der PdA überzeugen wollen, dann müssen wir so genau wie möglich wissen, wovon wir sie eigentlich überzeugen wollen. Hier daher, mit Anspruch auf Unvollständigkeit, einige damit zusammenhängende Aufgaben, denen wir uns stellen müssen.
Wo wir hinwollen
„Wer will vom Gegenwärtigen richtige Begriffe nehmen, ohne das Zukünftige zu wissen? Das Zukünftige bestimmt das Gegenwärtige und dieses das Vergangene, wie die Absicht Beschaffenheit und den Gebrauch der Mittel.“ (2)
Unsere Orientierung ist die bessere Zukunft, unsere Aufgabe lässt sich gänzlich damit zusammenfassen, ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Ihre Verwirklichung lässt sich nicht wie die Zukunft der abstrakten Uhr-Zeit chronometrisch messen, sondern nur danach, wie sehr wir uns konkret einer humanen Weltgesellschaft annähern, in der Solidarität zum Prinzip des Zusammenlebens wird, in der die Interessen von Individuen, Gruppen und der Gesamtgesellschaft in harmonischen Einklang gebracht werden, mit einem Idealzustand vor Augen, der nie verwirklicht werden kann, aber als Orientierung dienen muss.
Dass in der heutigen Gesellschaft so einiges im Argen liegt, braucht nicht lange ausgeführt zu werden. Wir leben sehr wahrscheinlich in demjenigen – noch jungen – Jahrhundert, welches die Frage „Sozialismus oder Barbarei“ endgültig entscheiden wird. Die scheußlichen materiellen Auswirkungen des Kapitalismus, die sich immer mehr zuspitzen, paaren sich, zumindest im sogenannten „Westen“, mit einer fatalen Orientierungslosigkeit, die insbesondere durch die Konterrevolution in Osteuropa sowie die aktuelle tiefe Krise des Kapitalismus bestärkt wurde und wird. Die individuelle Perspektivenlosigkeit breiter Bevölkerungsteile geht mit der Unsichtbarkeit gesellschaftlicher und historischer Perspektiven einher. Die Menschen haben die kapitalistische Herrschaft gründlich satt, aber sie können keine Alternative erkennen, denn die bürgerliche Propaganda hat es geschafft, den Sozialismus als ein Tabuthema niederzuhalten. Dies führt zu Resignation und Apathie, vor allem bei jungen Menschen aber auch zu großer Empfänglichkeit für faschistische Ideologien, weil diese den Anschein einer Perspektive und Alternative bieten.
Unsere dringende Aufgabe ist es daher, wirkliche Perspektiven und Alternativen anzubieten, sie glaubhaft und attraktiv zu machen. Der Glaube an die Möglichkeit historischen Fortschritts muss in mobilisierender Absicht und Form breitenwirksam entzündet werden, denn er ist eine notwendige Bedingung ebendieser Möglichkeit, ebenso wie der Glaube daran, dass die Menschen die Kraft haben, diesen Fortschritt bewusst zu befördern. Dies und die damit verbundene Hoffnung zu wecken, passiert vielleicht mehr auf einer ästhetischen als auf einer rein wissenschaftlichen Ebene. Daraus würde allerdings nicht folgen, dass man sich in der theoretischen Arbeit von dieser Aufgabe bequem fernhalten könnte – das könnte man nur unter dem Vorzeichen eines bürgerlichen, veralteten Verständnisses von Wissenschaftlichkeit vermuten. Nein, ganz im Gegenteil: Für uns kann nicht die wechselseitige Trennung der wissenschaftlichen, politischen und ästhetischen Ebene – des Wahren, Guten und Schönen – als anzustrebendes Ideal gelten, sondern nur ihre trinitarische Einheit (3).
Wir müssen die Welt, wie sie sein sollte, anschaulich und verständlich machen. Selbst wenn es dabei um einen prinzipiell unerreichbaren paradiesischen Zustand gehen mag, ist dergleichen Schwärmerei, solange sie keine bloße bleibt, doch notwendig. Schon das Marxsche Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ wird sich ja wohl nie in vollkommener Weise verwirklichen lassen. Es hilft aber dabei, zu erfassen, wie eine perfekte Welt eigentlich aussehen würde, was es bedeuten würde, darin zu leben, und welche Richtung man daher im politischen Kampf einschlagen muss. Schon aus der bisherigen Geistesgeschichte gibt es viele weitere Beispiele für solche Prinzipien und Ideale, die wir erläutern, auf ihre Adäquatheit überprüfen und in einen kohärenten Zusammenhang bringen müssen. An ihnen müssen wir weiterdenken, mit dem Ziel, möglichst alle Aspekte wünschenswerten Weltzustands begrifflich-anschaulich zu erfassen, um damit zum Denken und Handeln anzuregen und eine Richtschnur zu liefern, der man folgen soll – wenn sie auch unendlich lang sein mag.
Die abstrakte Malerei perfekter Welt allein kann jedoch kein Selbstzweck sein, sondern sie muss als ein Mittel zur relativen Annäherung der wirklichen Welt an die Produkte ebendieser Malerei verstanden werden: Eigentlicher Zweck ist der konkrete historische Fortschritt, und die jeweilige Nähe zur genannten Richtschnur sowie das Vorankommen entlang ihrer sind sein Maßstab. Dazu gilt es, sie und ihre Richtung zu kennen, sie im Schlaf von Fälschungen unterscheiden zu können und den Weg, an dem sie entlangführt, vorausschauend zu studieren.
Hierzu gehört in unserer heutigen Situation zentral, möglichst genau zu wissen, was denn diesen Sozialismus eigentlich ausmacht, den wir als das nächste größere Wegstück auffassen und daher erkämpfen wollen. Wenn wir von Sozialismus reden, so fragen ArbeiterInnen völlig zu Recht, was er denn genau sei, und wir müssen eine Antwort geben können – wenn schon vorerst nur in Grundzügen, so doch sukzessive immer detaillierter und umfassender. Dass es dabei wesentlich um jene konkrete Form des Sozialismus gehen muss, die unter den jeweils vorhandenen Bedingungen möglich und notwendig ist, sollte sich von selbst verstehen. Diese Bedingungen müssen ebenfalls analysiert und dargelegt werden, es muss verständlich und anschaulich gemacht werden, wie und warum die heutige Gesellschaft geradezu nach Sozialismus verlangt.
Überdies müssen wir den Menschen helfen, die individuelle und kollektive subjektive Verantwortung des Daseins an historischer Front nicht nur zu verstehen, sondern zu verinnerlichen. Für all unsere Aufgaben gilt doch: Wir müssen inspirieren. Es reicht nicht, wenn wir in einem Flugblatt den ArbeiterInnen einige Dinge bloß mitteilen, wir müssen sie darüber hinaus zum Weiterdenken und oft auch zum Umdenken anregen, nicht zuletzt was den Sprung von der guten Idee zur revolutionären Tat betrifft. Weil das Schicksal der Jugend stets am längsten und engsten mit dem zukünftigen Geschichtsverlauf verknüpft ist, wird ihr bloßer Wunsch besonders leicht zum tatendrängenden Willen. Wir müssen daher insbesondere die revolutionäre Phantasie der jungen Menschen befördern. Auch deshalb freilich, weil ein Jugendlicher, einmal überzeugt, den Kampf um eine bessere Welt noch länger führen kann als ein Greis.
In Konfrontation mit der immer wieder vorgetragenen These, der Mensch sei eben von Grund auf „böse,“, „schlecht“, „egoistisch“ und daher dem Menschen ein Wolf, müssen wir den historischen Fortschritt in der bisherigen Geschichte als Einheit von sozialem, ökonomischem, philosophischem, wissenschaftlichem, technischem, künstlerischem und weitere Aspekte betreffenden Fortschritt denken und als existent beweisen. In praktischen politischen Auseinandersetzungen muss gezeigt werden, dass sehr wohl kleinere und größere Fortschritte errungen werden können, und dass die Auflehnung gegen das Unrecht auch bei zeitweiliger Erfolglosigkeit nie erstickt werden kann. Wir müssen aber auch unser Verhalten im alltäglichen Leben danach ausrichten, einen Vorschein auf solidarisches Zusammenleben zu liefern, gleichwohl uns die objektiven gesellschaftlichen Umstände davon leider allzu oft, je schlechter sie sind, desto mehr Abstriche abverlangen. Wir müssen die Bedingungen, wie eine Gesellschaft verwirklicht werden kann, in der der Mensch dem Menschen gerade kein Wolf mehr, sondern ein „Helfer“ (Brecht) ist, aufdröseln, analysieren, benennen und sie sodann auch – erfüllen.
Wo wir herkommen
Um unseren Aufgaben bestmöglich nachkommen zu können, müssen wir all die Erfahrungen des bisherigen Menschengeschlechts aufarbeiten und für uns und unseren Kampf um eine klassenlose Gesellschaft fruchtbar machen. Nicht nur, aber insbesondere geht es dabei stets um den Blick auf die je fortschrittlichen Klassen und Bewegungen samt deren Kampf gegen ihre Widersacher, denn darin steckt am meisten Vorschein auf bessere Zukunft. Zwar wiederum nicht nur – denn um all das richtig interpretieren und einordnen zu können, müssen wir uns in der gesamten Weltgeschichte von der Urgesellschaft bis zur Gegenwart orientieren können –, aber doch ganz besonders müssen wir uns der Geschichte der Arbeiterbewegung – die Staat gewordene Arbeiterbewegung notwendigerweise eingeschlossen – widmen. Von ihr können wir am unmittelbarsten und meisten für unsere heutigen politischen Kämpfe lernen.
Wir können objektiv an die Geschichte herangehen, denn wir interessieren uns ausschließlich für die Wahrheit. Ob wir auf Fehler oder Errungenschaften seitens der Arbeiterbewegung kommen, wir können aus beidem lernen. Das ist ja der Hauptgrund, weshalb wir uns mit der Geschichte befassen, weil wir aus ihr lernen können und müssen und weil wir diese Lehren für den neuerlichen Anlauf zum Sozialismus fruchtbar machen wollen. Unser Streben nach vorne verlangt den objektiven Blick nach hinten, denn nur der objektive Blick in die Vergangenheit erleichtert den Weg in die Zukunft.
Wenn wir uns mit der Arbeiterbewegung befassen, so tun wir das daher nicht wie all jene, die sich starrköpfig an der Distanzierung vom Realsozialismus festklammern und somit über Bausch und Bogen ein zentrales Kapitel der Geschichte der Arbeiterbewegung verwerfen, aus dem sie folglich auch nichts lernen können. Auch nicht wie jene, die sich und ihre Geschichtsschreibung dogmatisch in der Tradition des schlimmsten inneren Feindes der Sowjetunion verstehen, in der Tradition des Antibolschewisten (4) Leo Trotzki, der zum Kampf gegen die Sowjetmacht aufgerufen hat (5) und zu diesem Zweck vor der Kollaboration mit Faschisten (6) nicht zurückschreckte. Nicht wie diejenigen, die sich als noch so links verstehen mögen, sich aber im Zweifelsfall immer der vorherrschenden Meinung des bürgerlichen Mainstreams unterwerfen, welcher die Interessen der herrschenden Klasse widerspiegelt und sich daher ganz natürlicherweise gegen den Fortschritt der Wahrheit und die Wahrheit des Fortschritts wendet. Selbstverständlich auch nicht wie der offene Klassenfeind.
Zwar können wir aus allen historischen Wahrheiten etwas lernen, doch gilt es, den Entstellungen durch die Verabsolutierung tatsächlicher Fehler und durch die Lügen und Verzerrungen der bürgerlichen Mainstream-Historiographie entgegenzuwirken und demgegenüber die Errungenschaften der realsozialistischen Staaten zu betonen. Nicht in einer abermals verabsolutierend entstellenden Form, also verherrlichend, sondern in einer die tatsächlichen Fehler ins rechte Licht gerückt und in die Darstellung aufgenommen habenden Form. Dabei muss die Komplexität des jeweiligen historischen Kontexts möglichst umfassend einbegriffen werden. Verteidigen wir den bisherigen Realsozialismus und sein historisches Erbe – und zwar anhand des Faktenmaterials und der Wahrheit.
Viele Vorwürfe, die der Sowjetunion insbesondere der dreißiger Jahre gemacht werden, haben sich inzwischen als falsch herausgestellt, nicht zuletzt aufgrund der Öffnung russischer Archive. Dass die wichtigsten Lügen, auf die sich die kalten Krieger des Westens fortan stützen konnten, ausgerechnet aus dem Zentrum des Weltkommunismus kamen, nämlich vom damaligen KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow, hatte eine fatale Desorientierung in der kommunistischen Bewegung zur Folge, die nach wie vor hochgradig wirksam ist. Den Grundstein dafür legte Chruschtschow in seiner berüchtigten „Geheimrede“ am XX. Parteitag der KPdSU 1956, von der „wortwörtlich JEDE Aussage gelogen ist und sich mit verifizierten Archivquellen und Zeugenaussagen widerlegen lässt“, wie im Klappentext der in Kürze vorliegenden deutschen Ausgabe von Grover Furrs Buch „Chruschtschows Lügen“ zu lesen ist (7). Der Historiker Eric Hobsbawm urteilte über die Bedeutung dieses Parteitages folgendermaßen: „In der Geschichte der revolutionären Bewegung des vergangenen Jahrhunderts gibt es zwei ‚zehn Tage, die die Welt erschütterten‘: die Tage der Oktoberrevolution, die in dem Buch von John Reed mit dem gleichnamigen Titel beschrieben wurden, und der XX. Parteitag der KPdSU (14. – 25. Februar 1956). Beide Ereignisse teilen diese Geschichte abrupt und unwiderruflich in ein ‘Davor’ und ein ‘Danach’. Ich kenne kein vergleichbares Ereignis in der Geschichte einer bedeutenden weltanschaulichen oder politischen Bewegung. Um es in wenigen einfachen Worten auszudrücken, die Oktoberrevolution schuf eine weltkommunistische Bewegung, der XX. Parteitag zerstörte sie.“ (8)
Wollen wir sie neu aufbauen, so müssen wir dem hegemonialen Geschichtsbild etwas entgegensetzen. Das mag alles andere als einfach sein, es ist aber jedenfalls absolut unumgänglich. Unser Kampf um die Geschichte ist wesentlich auch ein Kampf gegen den Antikommunismus, und je erfolgreicher er geführt wird, desto schnellere Fahrt kann die Entwicklung der kommunistischen Bewegung annehmen. Wenn wir die größeren und kleineren Säulen der antikommunistischen Propaganda zum Einsturz bringen, so gerät durch die Entlarvung der Verzerrungen der bürgerlichen Ideologie diese selbst und damit letztlich auch das kapitalistische System immer mehr ins Wanken. Wir müssen uns daher anstrengen, wir müssen die Wahrheit in den Tatsachen suchen, wir müssen die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Realsozialismus wie auch ganz allgemein die jüngere und ältere Vergangenheit studieren.
Doch damit nicht genug, denn wir wollen uns nicht nur selbst Wissen aneignen, sondern es auch verbreiten. Wir müssen daher die ArbeiterInnen anhand konkreter historischer und aktueller Beispiele davon überzeugen, dass es sich bei der herrschenden Meinung um die Meinung der Herrschenden und damit in allen wichtigen Fragen um ideologisch verzerrte Propaganda handelt. Wir müssen die Arbeiter-Innen dazu bringen, die Zerrlinsen, die ihnen von der bürgerlichen Ideologie immer und immer wieder unbemerkt ins Auge gedrückt werden, herauszunehmen und sie abzuwehren, um fortan der Wirklichkeit unmittelbar ins Gesicht zu sehen. Die meisten haben sich an diese Zerrlinsen gewöhnt und werden sie nur mit viel Überzeugungsarbeit unsererseits gänzlich und endgültig abstreifen, und einigen werden wir ins Auge fassen müssen, um ihnen den unbequemen, aber erhellenden Gefallen zu tun.
Eines steht fest: Der Klassenfeind ist derzeit übermächtig und er betreibt nahezu unbeirrt Geschichtsschreibung nach seinen Interessen, er sorgt dafür, dass uns allen von klein auf ins Hirn defäkiert wird. – Und dennoch spricht der wichtigste Anknüpfungspunkt für die Möglichkeit unseres Sieges: Das Klasseninteresse der Arbeiterklasse, das auf historischen Fortschritt abzielt und dazu objektive Geschichtserkenntnis voraussetzt. Denn ohnehin spüren die ArbeiterInnen aufgrund der täglichen Erfahrungen mit den menschenfeindlichen Auswirkungen des Kapitalismus, dass mit der bestehenden Welt und damit, wie sie allüberall erklärt wird, irgendetwas nicht ganz stimmen kann. Aber dieses Bauchgefühl ist für die meisten erst sehr unbestimmt. Zu unseren Aufgaben gehört es, den ArbeiterInnen begreiflich zu machen, dass sich die Welt nach Ablehnung der antikommunistischen Dogmen – und erst recht nach Einnahme einer marxistischen Perspektive – viel plausibler erklären lässt und dass diese aufgeklärte Sicht auf die Dinge obendrein auch noch mit ihren ureigensten Klasseninteressen harmoniert.
Wer wir sind
Würde man die kommunistische Bewegung aristotelisch nach genus proximum und differentia specifica (nächste Gattung und spezifische Differenz) definieren wollen, so könnte man etwa Folgendes sagen: Gattungsbegriff ist, was eingangs schon erläutert wurde, nämlich dass wir eine Bewegung sind, die den historischen Fortschritt forcieren und einer solidarischen Gesellschaft zum Durchbruch verhelfen will. Es kommt darauf an, entgegen der antikommunistischen Propaganda glaubhaft zu machen, dass es auch uns um nichts anderes geht als was letztlich ohnehin jeder (gute) Menschen wünscht: „Über die Ziele, wie man leben will, hat es in der Geschichte der Menschheit nie Meinungsverschiedenheiten gegeben“ (9), meinte dazu in gewohnt überspitzter Form der Begründer der sozialistischen Klassik Peter Hacks.
Die spezifische Differenz zu anderen Bewegungen, die sich ebenfalls einer solidarischen Gesellschaft verschrieben haben, besteht in einer bestimmten Art und Weise, wie wir sie zu erkämpfen versuchen. Der Anspruch lautet, den direktesten Weg zu finden, und die Suche nach ihm ist, was den ideologischen Streit ausmacht. Es stimmt zwar, dass es in einer zukünftig verwirklichten solidarischen Gesellschaft ein Leichtes sein wird, rückwirkend zu beurteilen, welcher Weg zu diesem neuen Zusammenleben geführt hat und daher offenbar der direkteste und beste war. Allein: Nur zu verlautbaren, die künftige Geschichte würde es schon zeigen, nützt herzlich wenig, denn weder sagt uns das etwas darüber, wie wir politisch wirken sollen, noch kann man damit irgendjemanden überzeugen, mitzumachen. Um diese beiden Effekte zu erreichen, zählt es stattdessen zu den zentralen Aufgaben unserer theoretischen Arbeit, schon im Hier und Jetzt ebendieses Hier und Jetzt denkend zu überschreiten, dabei vom guten „Ende“ auszugehen und die Bedingungen der Möglichkeit seiner Verwirklichung zu ergründen.
Die kommunistische Bewegung muss, um ihrem Anspruch nachzukommen, Avantgarde an historischer Front zu sein, auch den Anspruch erfüllen, diese Bedingungen am genauesten zu kennen und mit ihnen am besten umzugehen zu wissen (10). Zwar kann man spekulieren, dieses „am genauesten“ würde aufgrund des Superlativs stets nur auf eine einzige Person zutreffen können, und Tatsache ist jedenfalls, dass es zwischen Individuen graduelle Abstufungen darüber geben kann und gibt. Doch geht es wie gesagt um die Bestimmung einer politischen Bewegung, die zur Durchsetzung ihrer Ziele selbstverständlich eine kollektive sein muss. Es stellt sich somit die Frage nach dem Ort des Umschlags von Quantität zu Qualität: Wie genau muss man die Bedingungen der Möglichkeit historischen Fortschritts kennen, um – was die ideologische Ebene betrifft – zur kommunistischen Bewegung gezählt werden zu können? Anders formuliert, aber dasselbe bedeutend: Welche politisch-strategischen Konzepte, Prinzipien und Perspektiven muss man erkannt und anerkannt haben?
Es gibt ein Kriterium, das den Ort dieses Umschlags angibt, welcher im Verlauf der Geschichte tendenziell immer höher angesetzt werden kann und muss. Wie hoch jeweils, bestimmt sich danach, auf welcher Höhe der historische Fortschritt bestmöglich forciert werden kann, das zu-hoch wäre genauso schlecht wie das zu-niedrig. Das gesuchte Kriterium kann daher ebenfalls kein ahistorisches sein. Es heißt kommunistisches Parteiprogramm und muss in einer mobilisierenden Form die wesentlichen sowie dringlichsten Bedingungen der Möglichkeit historischen Fortschritts möglichst exakt und pointiert beinhalten. Dabei in leeren Allgemeinplätzen zu verharren, würde hingegen früher oder später zwangsläufig zu ideologischer Beliebigkeit führen, die gegenüber irreführenden oder gar feindlichen Denkweisen wehrlos ist. Ebenso fatal wäre es, wenn die Programmatik nicht mit der tatsächlichen politischen Praxis übereinstimmen würde. Die politische Praxis muss auf dem Programm fundiert sein, umgekehrt muss das Programm nach Reflexion der Erfahrungen aus der politischen Praxis und deren Vermittlung mit den bereits akkumulierten theoretischen Positionen und Überlegungen sukzessive weiterentwickelt werden. Falsch wäre aber auch, Positionen in das Programm aufzunehmen, über welche in der Partei noch Uneinigkeit herrscht und noch nicht ausführlich und grundlegend diskutiert wurde. Die Zustimmung zu allen Positionen des Parteiprogramms ist nämlich ein Kriterium dafür, ob jemand Parteimitglied sein kann oder nicht. Wie klar wir dieses Verhältnis zwischen der Zustimmung zum Programm und der Parteimitgliedschaft hinkriegen, bedingt die Effizienz unserer Arbeit. Über das Programm muss in der Partei Konsens herrschen. Hier gibt es folglich keine Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, sondern nur die organisatorische Trennung der Minderheit von der Mehrheit. Wenn daher eine Mehrheit eine Minderheit weiterhin als Teil der Avantgarde akzeptieren möchte, kann sie ihre Position zur jeweils strittigen Frage vorerst nicht ins Parteiprogramm aufnehmen, stattdessen muss die Frage ausdiskutiert und eine gemeinsame Antwort gefunden werden. Die kommunistische Partei wirkt „als ein Selektionsmechanismus zur Herausbildung der führenden Gruppe im gesellschaftlichen Emanzipationsprozess“ (11), und das Parteiprogramm muss diesen Selektionsmechanismus der Avantgarde auf ideologischer Ebene widerspiegeln. Aus alledem ist ersichtlich, wie ernst die Anstrengungen rund um das Parteiprogramm genommen werden müssen, und dass es daher von uns allen breit und tiefgehend diskutiert werden muss.
Unsere Überzeugungsarbeit muss dann darin bestehen, zu zeigen, dass unsere Strategie zur Verwirklichung einer besseren Welt konsequent gedacht die einzige ist, die dazu tatsächlich längerfristig beiträgt. Oben war zum Beispiel ganz allgemein von einer solidarischen Gesellschaft die Rede, die viele außer uns abstrakt anstreben mögen, von der es aber konkret zu zeigen gilt, dass und warum sie nur im und durch den Sozialismus, nach Organisierung der Arbeiterklasse, Verbreitung von Klassenbewusstsein und Ausfechtung heftigster Klassenkämpfe Wirklichkeit werden kann. Diese Herangehensweise ist der Sache nach, in logischer wie historischer Hinsicht, mindestens legitim, ihre Zweckmäßigkeit in der Überzeugungsarbeit ist aber – neben anderen Herangehensweisen – unbestreitbar: Man beginnt mit einem Ziel, dem alle zustimmen, leitet dann Schritt für Schritt her, wie es zu erreichen ist und führt gegebenenfalls im Gleichschritt dazu jene Begriffe und Prinzipien ein, gegen die bei sofortiger Verwendung viele aufgrund der antikommunistischen Propaganda allergisch reagieren könnten.
Im Ende fallen genus proximum und differentia specifica also sozusagen zusammen. Es reicht aber nicht, dies über unsere Strategie einfach nur zu behaupten, sondern wir müssen uns praktisch unter Beweis stellen und theoretisch den Weg vom genus proximum zur differentia specifica in einer überzeugenden Form herleiten. Es gilt, das forcieren-wollen des historischen Fortschritts auf den Begriff zu bringen. Und den haben wir, wenn auch klarer als sonst jemand, selbst erst sehr vage im Kopf und in der Hand. Seine nötige weitere Aufklärung ist ein wichtiger Teil der theoretischen Arbeit – vielleicht der zentrale, um den herum sich alle anderen theoretischen Fragestellungen gruppieren und von dem sie abhängen.

Von Stefan Klingersberger

Anmerkungen

(1) Hans Heinz Holz: Theorie als materielle Gewalt – Die Klassiker der III. Internationale, Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band 2, Aurora Verlag, Berlin 2011, Seite 78.
(2) Ernst Bloch zitiert Johann Georg Hamann. Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2013, Seiten 152f.
(3) Als ein gutes und bekanntes Beispiel dafür könnte man etwa das „Kommunistische Manifest“ nennen, das sich gleichermaßen als wissenschaftliche Abhandlung, als politisches Manifest nach vorne in eine bessere Zukunft und als literarisches Kunstwerk darstellt.
(4) Vgl. Max Seydewitz: Stalin oder Trotzki?, siehe http://​bit​.ly/​Y​0​R​ELb, zuletzt abgerufen am 24.09.2014.
(5) Ebenda, insbesondere der Abschnitt „Trotzkis Wahlspruch“.
(6) Vgl. Grover Furr: Evidence of Leon Trotsky´s Collaboration with Germany and Japan, siehe http://​bit​.ly/​1​m​r​i​LLc, zuletzt abgerufen am 24.09.2014.
(7) Vgl. die Verlagsseite der Eulenspiegel Verlagsgruppe: http://​bit​.ly/​1​u​W​V​diE, zuletzt abgerufen am 24.09.2014.
(8) Eric Hobsbawm: Gefährliche Zeiten – Ein Leben im 20. Jahrhundert, Carl Hanser Verlag, München, Wien 2003, Seite 234.
(9) Peter Hacks, Hacks-Werke 13/235, zit. nach: … und nehmt das Gegenteil – Gesellschaftsutopien bei Peter Hacks, Aurora Verlag, Berlin 2013, Seite 77.
(10) „Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“ Marx/Engels: Das kommunistische Manifest, siehe http://​bit​.ly/​Y​3​q​xzz, zuletzt abgerufen am 24.09.2014
(11) Hans Heinz Holz: Theorie als materielle Gewalt – Die Klassiker der III. Internationale, Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band 2, Aurora Verlag, Berlin 2011, Seite 81.