Die marxistische Philosophie

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Dieser Artikel von Helmuth Fellner erschien in Heft 6 der Einheit und Widerspruch.
 Einheit und Widerspruch ist ein von der PdA herausgegebenes Diskussionsorgan zur Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus. Der jeweilige Beitrag gibt die Meinung des Autors/der Autorin wieder und muss nicht unbedingt mit den Positionen und Beschlüssen der PdA übereinstimmen.

1. Die wichtigsten Wegbereiter der marxistischen Philosophie

1.1. Hegel

Marx selbst sah seine Leistung eher bescheiden in der Entdeckung einiger neuer Prinzipien und Engels betonte, dass die Lehre der beiden, von ihnen „wissenschaftlicher Sozialismus“ genannt, ohne den „Vorausgang der deutschen Philosophie, namentlich Hegels“ nie zustande gekommen wäre. (Engels, MEW 18: 516)
Was war nun das Besondere an dieser Philosophie des Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der von 1770 – 1831 lebte und in Berlin als staatlicher besoldeter Professor die damalige Élite des preußischen Staates unterrichtete? Hegel bringt einen neuen Gedanken in die Philosophie, der uns heute fast selbstverständlich erscheint: „Was wir geschichtlich sind, der Besitz, der uns, der jetzigen Welt angehört, ist nicht unmittelbar entstanden und nur aus der Gegenwart gewachsen, sondern dieser Besitz ist die Erbschaft und das Resultat der Arbeit, und zwar der Arbeit aller vorhergehenden Generationen des Menschengeschlechts.“ (Hegel 1979: 27) Dass diese Erkenntnis der historischen Entwicklung menschlichen Denkens keineswegs unumstritten war und ist, sieht man z.B. in den etwa zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Gedanken Schopenhauers: „Das Werk des Philosophen hingegen will seine ganze Denkungsart umwälzen, verlangt von ihm, dass er alles, was er bisher in dieser Gattung gelernt und geglaubt hat, für Irrtum, die Zeit und die Mühe für verloren erkläre und von vorne anfange (…)“. (Schopenhauer 1851: 34)
Für Schopenhauer ist die Philosophie ein Kampfplatz großer Genies, die „selten geboren werden“ und alles Vorherige ausradieren. (Dies ist freilich höchst unlogisch, weil selbst wenn alle vorherigen Philosophien Sackgassen gewesen wären, hätte allein durch das Ausprobieren dieser Sackgassen eine Entwicklung stattgefunden, da man nun um die Erkenntnis reicher ist, wie diese Sackgassen zu vermeiden sind).
 

1.1.1. Hegels Dialektik

Die Überlegenheit und Kraft der Hegelschen Philosophie zeigt sich freilich nicht nur in solchen grundsätzlichen, damals neuen Erkenntnissen. Hegels größte Leistung liegt in der Entwicklung seiner Dialektik, die er in seinem Buch „Wissenschaft der Logik“ systematisch darstellte. In diesem Buch, das leider zu den am schwierigsten zu lesenden Werken der Philosophie gehört, versucht Hegel eine „Verallgemeinerung der Geschichte des Denkens“.
Er unterscheidet zwischen der äußeren Erscheinung einer Sache (dem SEIN), dem dahintersteckenden WESEN und dem Begreifen (BEGRIFF) als dem Weg, um das WESEN hinter dem SEIN zu erkennen. „Dialektik ist die Lehre, wie die Gegensätze identisch sein können und es sind (wie sie es werden) – unter welchen Bedingungen sie identisch sind, indem sie sich ineinander verwandeln -, warum der menschliche Verstand diese Gegensätze nicht als tote, erstarrte, sondern als lebendige, bedingte, bewegliche, sich ineinander verwandelnde auffassen soll.“ (Lenin, LW 38: 99) Hegel untersuchte die Art und Weise, wie sich Entwicklungsprozesse vollziehen, wie es kommt, dass aus bescheidenen Anfängen komplexe hochentwickelte Systeme wie die moderne Gesellschaft entstehen. Dabei sieht er die inneren Widersprüche, die in allen Dingen vorhanden sind, als den Trieb, der Veränderung und Höherentwicklung hervorbringt. Diese geschieht allerdings nicht in einem gleichmäßigen Prozess, sondern indem sich Dinge von Zeit zu Zeit in etwas qualitativ Anderes verwandeln, das sich wiederum durch erneute Bildung von Widersprüchen weiterentwickelt („Negation der Negation“). Was die menschliche Gesellschaft betrifft, so sieht er darin die Höherentwicklung des Geistes, der nach Antworten sucht über seine eigene Natur. Der einzelne Mensch verfolge zwar immer sein eigenes Interesse, aber dadurch bringe er oft ungewollt und unbewusst die Entwicklung der ganzen Gesellschaft voran: „Jener Zusammenhang enthält nämlich dies, dass in der Weltgeschichte durch die Handlungen der Menschen noch etwas anderes überhaupt herauskomme, als sie bezwecken und erreichen, als sie unmittelbar wissen und wollen. Sie vollbringen ihr Interesse aber es wird noch ein Ferneres damit zustande gebracht, das auch innerlich darin liegt, aber das nicht in ihrem Bewusstsein, ihrer Absicht lag.“ (Hegel 1830: 88)
Die Menschen, die also zunächst ganz egoistisch nach Glück, Geld, Macht oder was auch immer streben, bewirken also, ohne dass sie das eigentlich beabsichtigen, gleichzeitig einen Fortschritt. Eine solche These ist an sich noch nicht besonders kritisch. Bis heute wird ja z.B. von den Anhängern der „Sozialen Marktwirtschaft“ behauptet, dass der Eigennutz des Einzelnen durch die Marktkräfte das Beste für alle bewirken würde. Dennoch erschien den meisten bürgerlichen Philosophen nach Hegel allein der Anspruch Hegels auf Entwicklung und historischen Fortschritt für die ganze Menschheit zu gefährlich, so dass sie ihn als „Historizismus“ verdammten und ganz oder teilweise aufgaben.
 

1.2. Die Linkshegelianer

Man kann die Faszination, welche die Philosophie Hegels auf junge Studenten aus bürgerlichem Haus dieser Zeit ausübte, gut verstehen. Schließlich wurde hier der Geist, die Vernunft als das höchste erklärt, was dem Selbstbewusstsein der jungen Möchtegernphilosophen in einer von Adelsvorrechten und Standesdenken geprägten Gesellschaft sehr entgegenkam. Eine Betrachtungsweise, die in Arbeit immer nur geistige Arbeit sah, fiel natürlich bei Leuten, die tatsächlich ausschließlich geistig arbeiteten, auf fruchtbaren Boden. So wurden auch der junge Karl Marx und der junge Friedrich Engels schnell glühende Anhänger Hegels. Freilich brachte die hässliche Realität des preußischen Staates die Träume von der Herrschaft der reinen Idee schnell zum Platzen. Polizeistaat, Pressezensur, Berufsverbot für kritische Professoren, feudale Überreste zeigten den Schülern Hegels nur allzu deutlich, dass der preußische Staat keineswegs die Verwirklichung der Hegelschen „Idee der Sittlichkeit“ war. Der bessere Teil von ihnen, die sogenannten Linkshegelianer, reagierte darauf, indem er die bestehenden Zustände einer radikalen literarischen Kritik unterzog. Diese Kritik blieb freilich in der Tradition Hegels vor allem eine Kritik des falschen Denkens. Die herrschende Ideologie des preußischen Staats war aber die christliche Religion, so dass es nicht verwundert, dass diese zur ersten Zielscheibe vernichtender Kritik wurde. Der Philosoph David Friedrich Strauss zeigte mit kalter Logik in seinem Buch „Das Leben Jesu – kritisch bearbeitet“ die Widersprüche innerhalb der Bibel auf. Der offene Atheismus, der nun von den jungen Philosophen zur Schau getragen, stellte in einer Zeit, in der es fast undenkbar war kein Christ zu sein, eine scharfe Provokation der herrschenden Ordnung dar. Der radikalste Vertreter dieses neuen Atheismus war der Hegel-Schüler Ludwig Feuerbach.
 

1.3. Feuerbach

Ist bei Hegel der Mensch noch ein rein geistiges Wesen, dessen gesellschaftliche und historische Entwicklung eine Geschichte der Ideen ist, so gibt Feuerbach diesen Hegelschen Grundsatz auf und erklärt die Menschen (mehrere Jahrzehnte vor Darwin) zu einer Gattung, deren Gattungsfunktion das Denken und Sprechen ist, so wie auch die Tiere ihre jeweiligen besonderen Fähigkeiten haben. Damit wird die Religion zum indirekten Selbstbewusstsein der Gattung Mensch: „Kein Wesen kann also in seinen Gefühlen, Vorstellungen, Gedanken seine Natur verleugnen. Was es auch setzt, es setzt immer sich selbst. Jedes Wesen hat seinen Gott, sein höchstes Wesen, in sich selbst. Preisest du die Herrlichkeit Gottes, so preisest du die Herrlichkeit des eigenen Wesens.“ (Feuerbach 1841: 87)
Im Gegensatz zu den heutigen bürgerlichen Verhaltensforschern, die meist die biologische Natur des Menschen zur Rechtfertigung von Unterdrückung, Gewalt und Ungerechtigkeit benutzen, ist Feuerbach jedoch dem Humanismus, dem Streben nach einer Vervollkommnung des Menschen verbunden. Daher muss er die Natur des Menschen vorwiegend in einem positiven Licht schildern: „Aber was ist denn das Wesen des Menschen, dessen er sich bewusst ist, oder was konstituiert die Gattung, die eigentliche Menschheit im Menschen? Die Vernunft, der Wille, das Herz. Zu einem vollkommenen Menschen gehört die Kraft des Denkens, die Kraft des Willens, die Kraft des Herzens. Die Kraft des Denkens ist das Licht der Erkenntnis, die Kraft des Willens die Energie des Charakters, die Kraft des Herzens die Liebe.“ (Ebd.)
Freilich empfindet er auch den „Schmerz“, dass „das nicht in der Wirklichkeit ist, was in der Vorstellung ist“ und sieht die Aufgabe der Philosophie daher darin zur „Einheit des Menschen mit dem Menschen“ zu erziehen. Die Lehre Hegels, der die Geschichte als geistige Entwicklung sieht, schlägt also bei seinem Schüler Feuerbach ins Gegenteil um, und der Mensch wird nun als Naturwesen gesehen. Eine solche Anschauung, die nicht-materielle Dinge wie Geist, Denken, Bewusstsein auf materielle Dinge (Natur, Biologie, Umwelt) zurückführt, nennen wir Materialismus im Unterschied zum Idealismus Hegels (beide Begriffe werden also philosophisch ganz anderes gebraucht als in der Umgangssprache). Materialistische Philosophen gab es auch schon vor Feuerbach, allerdings war Feuerbach der Erste der konsequent in seinem System keinen Platz mehr für Gott oder irgendeine Art von höherem Wesen ließ. An seine Stelle trat nun die Liebe als moralische Forderung.
 

2. Die Grundlagen der marxistischen Philosophie

2.1. Die Grundfrage der Philosophie

Engels hat sie in folgenden Worten formuliert:
„Die große Grundlage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein (…) je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen (…), bildeten das Lager des Idealismus. Die andern, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus.“ (Engels MEW 21: 274 f.)
Das Verhältnis von Sein und Denken oder allgemeiner, von Materie und Bewusstsein, bildet den Inhalt der Grundfrage der Philosophie. In der bloßen Wahrnehmung finden wir nicht zwei getrennte, voneinander unabhängige Welten, eine „Welt der Materie“ und eine „Welt des Bewusstseins“. Bewusstsein finden wir nur als menschliches Bewusstsein, als Produkt der Sinnes- und Hirntätigkeit und der praktischen gesellschaftlichen Tätigkeit des Menschen. Es existiert immer nur als Bestandteil des materiellen Lebensprozesses der Menschen.
Warum ist es für die Menschen wichtig, das Verhältnis zwischen Materie und Bewusstsein, zwischen realem Sein und Denken richtig zu bestimmen? Ist das vielleicht nur eine „philosophische Spinnerei“, eine künstlich ausgedachte Frage? Wenn wir uns mit unserer Umwelt praktisch auseinandersetzen, im Arbeitsprozess auf sie einwirken und sie entsprechend unseren Bedürfnissen verändern, bilden unsere materielle praktische Tätigkeit und die geistige Tätigkeit unseres Bewusstseins eine untrennbare Einheit. Sie sind eng miteinander verflochten. Wenn wir hierbei aber erfolgreich sein und die angestrebten Resultate auch wirklich erreichen wollen, müssen wir es lernen, deutlich zwischen den Gegenständen der materiellen Welt einerseits und unseren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedanken über diese Welt andererseits zu unterscheiden. Und genauso müssen wir zwischen der materiellen praktischen Tätigkeit, welche die Gegenstände tatsächlich verändert, und den gedanklichen Operationen des Bewusstseins unterscheiden, die allein überhaupt nichts verändern können.
Die Menschheit hat lange Zeit gebraucht, bis sie diesen fundamentalen Unterschied zwischen materiellen und geistigen Erscheinungen verstand. Und eine noch längere Zeit war erforderlich, diese Unterscheidung auch begrifflich herauszuarbeiten und in Begriffen festzuhalten. Das setzte eine bestimmte Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Verhältnisse und des theoretischen Denkens voraus, weshalb diese Unterscheidung erst in der antiken griechischen Philosophie erfolgte. Seither spielt die Frage nach dem Verhältnis von Seele und Körper, von Geist und Natur, von Denken und Sein, von Bewusstsein und Materie eine bedeutende Rolle im philosophischen Denken.
Die Gegenüberstellung von Materie und Bewusstsein ist eine Abstraktion. Wir abstrahieren von der Verflechtung der Bewusstseinsprozesse mit den materiellen Prozessen der Nerventätigkeit und der praktischen Tätigkeit, ebenso von den verschiedenen konkreten Formen, Inhalten und Resultaten der Bewusstseinstätigkeit und stellen das Bewusstsein überhaupt der Materie gegenüber. Die philosophischen Kategorien „Materie“ und „Bewusstsein“ sind aber die weitest gehenden, umfassendsten komplementären Begriffsbildungen in der Philosophie. Ihre Gegenüberstellung führt unmittelbar zur materialistischen oder idealistischen Beantwortung der Grundfrage der Philosophie. Durch die Formulierung der Grundfrage der Philosophie ist also die höchste sinnvolle Abstraktionsstufe des philosophischen Denkens erreicht.
Weil die Grundfrage der Philosophie die höchste Frage ist, führt ihre Beantwortung unmittelbar zu einer der beiden möglichen Grundrichtungen der Philosophie: entweder zum Materialismus oder zum Idealismus.
 

2.2. Materialismus und Idealismus

Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt erstens, dass die Materie dem Bewusstsein zeitlich vorausgeht.
Die Materie existiert vor dem Bewusstsein, denn sie ist ewig und unendlich. Das Bewusstsein aber entsteht erst auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Materie. Seine Existenz hängt von ganz bestimmten Bedingungen ab, deshalb ist es vergänglich, bedingt und endlich. Die Einsicht, dass die Materie ewig ist, dass sie weder vernichtet noch erschaffen werden kann, ist eine gesicherte philosophische Erkenntnis von grundlegender Bedeutung. Sie gründet sich auf umfassendes und unumstößliches wissenschaftliches Beweismaterial, insbesondere auf die physikalischen Erhaltungssätze, die besagen, dass weder Masse noch Energie vernichtet oder aus Nichts erschaffen werden können.
Wir wissen weiter aus der Erforschung der Geschichte unserer Erde, dass es auf ihr vor einigen Milliarden Jahren noch kein Leben gab. Folglich konnte es auch keine mit Bewusstsein begabten Lebewesen geben. Erst nach längeren Entwicklungsprozessen entstanden Formen belebter Materie. Aus deren Evolution gingen schließlich auch die ersten Menschen hervor, und mit ihnen entstand erst ein voll ausgebildetes Bewusstsein.
Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt zweitens, dass das Bewusstsein ein Entwicklungsprodukt der Materie ist, welches auf der Grundlage besonders hoch organisierter Materie, des menschlichen Gehirns, als eine qualitativ besondere Eigenschaft der Materie entsteht.
Diese besondere Eigenschaft besteht in der Fähigkeit, die materielle Welt in ideellen Formen widerzuspiegeln, ideelle innere Modelle der äußeren Welt zu bilden, sich bewusst Ziele zu setzen und das Verhalten nach bestimmten Programmen zweckmäßig zu lenken.
Das Bewusstsein ist ein Produkt der naturgeschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Diese These des dialektischen und historischen Materialismus gründet sich auf die philosophische Verarbeitung eines riesigen Tatsachenmaterials und wichtiger Erkenntnisse vieler Wissenschaften.
Die Biologie, die Physiologie, insbesondere die Richtungen der Physiologie, die die Funktion der Sinnesorgane und der Nerven erforschen, haben die Entwicklung der natürlichen Voraussetzungen des menschlichen Bewusstseins detailliert untersucht. Durch diese Forschungen besitzen wir eine relativ geschlossene Kenntnis darüber, wie die biologische Evolution bei den tierischen Vorfahren des Menschen zur Herausbildung der natürlichen Voraussetzungen des Bewusstseins geführt hat. Wir wissen, wie sich in diesem Entwicklungsprozess die Organisation und Funktionsweise des Nervensystems und der Sinnesorgane sowie die hierauf beruhende psychische Tätigkeit herausgebildet haben. Aus diesen Vorstufen und Voraussetzungen des Bewusstseins, die es bereits bei den höchstentwickelten Tieren gibt, konnte das menschliche Bewusstsein aber erst allmählich unter dem Antrieb der beginnenden Arbeitstätigkeit der Menschen entstehen. Der Übergang von der instinktiv-biologischen Lebenstätigkeit der tierischen Vorfahren der Menschen zur kollektiven Arbeitstätigkeit, zur gemeinschaftlichen Anfertigung und Anwendung von Werkzeugen, war der entscheidende Schritt, der zur Herausbildung der Sprache und des abstrakt-begrifflichen Denkens führte. Die kollektive Arbeit verstärkte das Bedürfnis der Menschen nach Verständigung miteinander. Die hieraus hervorgehende Sprache erwies sich in Wechselwirkung mit der Arbeit als ein Faktor, der die Entwicklung des Bewusstseins, des Denkens förderte.
Friedrich Engels hat diesen Prozess wie folgt beschrieben: „Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache – das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommenere eines Menschen allmählich übergegangen ist (…) Die Rückwirkung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung (…)“. (Engels, MEW 20: 307f.)
Diese Auffassung ist in der Folgezeit durch die Anthropologie, die Neurophysiologie und die Psychologie in vollem Umfang bestätigt und auf der Grundlage der neuen Forschungsergebnisse weiter präzisiert worden.
So ist das menschliche Bewusstsein also ein Entwicklungsprodukt der Natur und der Gesellschaft. Seine materiellen Grundlagen sind sowohl die besonders hoch organisierte Materie des Gehirns und seine Tätigkeit als auch die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen und ihre materielle praktische Tätigkeit. Zwischen diesen beiden Seiten der materiellen Grundlage des Bewusstseins besteht eine enge Wechselwirkung. Das Gehirn als Organ des Bewusstseins ermöglicht und vermittelt die aktive Auseinandersetzung des Menschen mit seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Und diese Umwelt bestimmt in entscheidendem Maße den Inhalt der Hirntätigkeit.
Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt drittens, dass das Bewusstsein eine ideelle Widerspiegelung der materiellen Welt ist. Das Bewusstsein erzeugt seine Inhalte nicht aus sich selbst, sie fließen ihm auch nicht aus übernatürlichen Quellen zu, sondern es gewinnt sie aus der geistigen Aneignung und Widerspiegelung der materiellen Welt in Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Begriffen, Aussagen, Theorien usw. Der Inhalt des menschlichen Bewusstseins ist also eine Widerspiegelung, eine Abbildung der materiellen Welt. Diese Widerspiegelung entwickelt sich auf der Grundlage der jeweils gegebenen Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Praxis des Menschen, sie ist also historisch bestimmt. Dank seinem ideellen Charakter ist das Bewusstsein in der Lage, die materielle Welt widerzuspiegeln. Es kann so verallgemeinernde und abstrahierende Abbilder wesentlicher Eigenschaften und Zusammenhänge der äußeren Welt schaffen, sie speichern und mit ihnen operieren. Das Bewusstsein widerspiegelt nicht nur die Gegenstände, Prozesse, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Welt, sondern immer auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, Interessen und Bedürfnisse, auf deren materieller Grundlage es entsteht und sich entwickelt.
Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt viertens schließlich, dass das Bewusstsein den Menschen als Mittel der aktiven Umgestaltung der Welt dient.
Widersprechen wir damit nicht der Behauptung, das Bewusstsein sei sekundär, abgeleitet und von der Materie bestimmt? Zwar ist das Bewusstsein sekundär gegenüber der Materie. Sie war vor dem Bewusstsein da, hat das Bewusstsein aus sich hervorgebracht und ist auch der Inhalt des Bewusstseins. Aber daraus folgt überhaupt nicht, dass es keine bedeutende Rolle spielen kann. Das Bewusstsein ist ein notwendiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebensprozesses. Dieser ist als aktive Aneignung, Veränderung und Umgestaltung der Welt nur möglich, weil das Bewusstsein die Menschen befähigt, diese Welt zu erkennen, sich bewusst Ziele zu setzen, Erfahrungen zu sammeln, zu lernen und ideell entworfene Programme und Projekte materiell zu realisieren.
Der Materialismus in allen seinen historischen Formen stand stets im Gegensatz zum Idealismus und hat sich in ständiger Auseinandersetzung mit dem Idealismus entwickelt.
Der Idealismus ist die philosophische Grundrichtung, die davon ausgeht, dass das Bewusstsein, das Denken, der Geist, der Wille, also irgendetwas Ideelles, Immaterielles primär, grundlegend, bestimmend ist; die Materie, die Natur, die materielle Welt sei von diesem hervorgebracht oder abhängig. Der Kampf des Materialismus gegen den Idealismus ist eng mit dem Kampf der Wissenschaft gegen die Religion verbunden. Der Materialismus ist dem Idealismus und der Religion prinzipiell entgegengesetzt. Er bestreitet die Existenz Gottes oder anderer übernatürlicher Kräfte und ist folglich Atheismus. Der Idealismus ist eng mit der Religion verbunden; er ist ihr direkter oder indirekter theoretischer Ausdruck und ihre theoretische Begründung.
Die idealistische Philosophie hat ihre sozialen und ihre erkenntnistheoretischen Wurzeln. Der Idealismus geht einseitig an die Erkenntnis heran, er übertreibt oder verabsolutiert eine Seite des komplizierten, vielseitigen und in sich widersprüchlichen Erkenntnisprozesses, darin bestehen seine erkenntnistheoretischen Wurzeln. Der Marxismus weist auf die erkenntnistheoretischen Wurzeln des Idealismus hin, um damit zu unterstreichen, dass der Idealismus nicht schlechthin unsinnig, sondern eine verkehrte Widerspiegelung der Wirklichkeit ist und an bestimmte Besonderheiten und Widersprüche des Erkenntnisprozesses anknüpft. Die idealistische Philosophie ist nach einem Ausdruck von Lenin eine taube Blüte, die am lebendigen Baum der lebendigen, fruchtbaren, machtvollen und allgewaltigen menschlichen Erkenntnis wächst. Lenin verglich den Erkenntnisprozess mit einer Kurve, die sich einer Spirale unendlich nähert. Bei einseitigem und subjektiven Herangehen an ein Stückchen dieser Kurve kann sie in eine gerade Linie verwandelt werden, die den Menschen vom Hauptweg der Erkenntnis und von der Wahrheit wegführt.
 

2.3. Erkennbarkeit der Welt – Marxistische Erkenntnistheorie

Erkennen ist eine besondere Art der bewussten Widerspiegelung der objektiven Welt im gesellschaftlichen Bewusstsein, die sich durch charakteristische Merkmale auszeichnet. Worin bestehen sie? Erkennen ist theoretische Aneignung der objektiven Welt, das heißt eine Widerspiegelung, die sich auf die wesentlichen Eigenschaften, die allgemeinen Strukturen und die Gesetzmäßigkeiten der objektiven Welt richtet. Ihr Ziel ist, möglichst exakte gedankliche Abbilder dieser Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zu gewinnen und diese in Form von Begriffen, Gesetzesaussagen, Formeln, Hypothesen, Theorien usw. zu einem gedanklichen Modell von Bereichen der Natur und Gesellschaft zu verarbeiten. Die adäquaten Abbilder von wesentlichen Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Welt, die Erkenntnisse, dienen den Menschen als theoretische Grundlage ihrer zweckmäßigen Tätigkeit. Sie ermöglichen es ihnen, diese Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zum Zweck der planmäßigen Veränderung und Beherrschung von Naturprozessen und Gesellschaftsprozessen praktisch auszunutzen und anzuwenden.
„Wie verhalten sich unsere Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstande, die wirkliche Welt zu erkennen, vermögen wir in unsern Vorstellungen und Begriffen von der wirklichen Welt ein richtiges Spiegelbild der Wirklichkeit erzeugen? Diese Frage heißt in der philosophischen Sprache die Frage nach der Identität von Denken und Sein und wird von der weitaus größten Zahl der Philosophen bejaht (…) Daneben gibt es aber noch eine Reihe andrer Philosophen, die die Möglichkeit einer Erkenntnis der Welt oder doch einer erschöpfenden Erkenntnis bestreiten (…) Die schlagendste Widerlegung dieser wie aller andern philosophischen Schrullen ist die Praxis, nämlich das Experiment und die Industrie. Wenn wir die Richtigkeit unsrer Auffassung eines Naturvorgangs beweisen können, indem wir ihn selbst machen, ihn aus seinen Bedingungen erzeugen, ihn obendrein unsern Zwecken dienstbar werden lassen, so ist es mit dem Kantschen unfaßbaren ‚Ding an sich‘ zu Ende.“ (Engels, MEW 21: 276 f.)
“The proof of the pudding is in the eating. In dem Augenblick, wo wir diese Dinge, je nach den Eigenschaften, die wir in ihnen wahrnehmen, zu unserm eignen Gebrauch anwenden, in dem selben Augenblick unterwerfen wir unsre Sinneswahrnehmungen einer unfehlbaren Probe auf ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit. Waren diese Wahrnehmungen unrichtig, dann muß auch unser Urteil über die Verwendbarkeit eines solchen Dings unrichtig sein, und unser Versuch, es zu verwenden muß fehlschlagen. Erreichen wir aber unsern Zweck, finden wir, daß das Ding unsrer Vorstellung von ihm entspricht, daß es das leistet, wozu wir es anwandten, dann ist dies positiver Beweis dafür, daß innerhalb dieser Grenzen unsre Wahrnehmung von dem Ding und von seinen Eigenschaften mit der außer uns bestehenden Wirklichkeit stimmen.“ (Engels, MEW 22: 10)
 

2.4. Dialektik – Grundgesetze und Triebkräfte der Entwicklung

Die materialistische Dialektik ist „die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“. (Engels, MEW 20: 131 f.)
Die Philosophie untersucht zum Unterschied von den verschiedenen Einzelwissenschaften die allgemeinen Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten der Welt, mit dem Ziel, eine umfassende weltanschauliche Orientierung auszuarbeiten. Dementsprechend untersucht die materialistische Dialektik die allgemeinen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten aller Entwicklung in Natur, Gesellschaft und Denken.
Die materialistische Dialektik beruht auf den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften, welche die Entwicklungsgesetze der verschiedenen Bereiche der Natur und der Gesellschaft untersuchen; sie ist deren Verallgemeinerung. Deshalb ist ihre Kenntnis von grundlegender Bedeutung für alle Wissenschaften, denn sie gestattet es ihnen, alle Zusammenhänge und Entwicklungsprozesse von einer weltanschaulich richtigen Position zu erforschen, den inneren Zusammenhang der weitgehend isoliert untersuchten Bereiche der Welt zu verstehen und die Resultate der jeweiligen Wissenschaft in das System des Wissens einzuordnen.
Die materielle Welt befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozess. Unter Entwicklung versteht man in der materialistischen Dialektik eine Bewegung in aufsteigender Linie, in deren Verlauf neue Qualitäten entstehen und ein nicht umkehrbarer Übergang von niederen zu höheren, von einfachen zu komplizierteren Qualitäten erfolgt. Diese Entwicklung in der materiellen Welt wird nicht durch äußere Einwirkungen verursacht, etwa durch einen göttlichen ersten Beweger. Die materialistische Dialektik fasst die Entwicklung also als Selbstbewegung der Materie auf, deren Quelle und Triebkraft in der Materie selbst, in ihren inneren Widersprüchen liegt. Die ganze materielle Welt bildet ein System qualitativ verschiedener Entwicklungsstufen, die entwicklungsgeschichtlich miteinander zusammenhängen. Die großen Entwicklungsstufen – anorganische Materie, organische Materie, menschliche Gesellschaft – gehen eine aus der anderen hervor. Jede dieser großen Entwicklungsstufen der Materie weist wiederum in sich zahlreiche Entwicklungsstufen auf.
Alle Entwicklungsprozesse verlaufen jeweils auf eine Art und Weise, die durch die Beschaffenheit und die Gesetzmäßigkeiten des betreffenden Systems bedingt ist. Zugleich besitzen sie alle aber auch bestimmte gemeinsame Züge. Diese kommen in den allgemeinen Entwicklungsgesetzen zum Ausdruck, die die Dialektik untersucht und formuliert. Die wichtigsten dieser allgemeinen Gesetzmäßigkeiten sind die Grundgesetze der Dialektik.
 

2.4.1. Gesetz von der Einheit und dem „Kampf“ der Gegensätze

Das Gesetz von der Einheit und dem „Kampf“ der Gegensätze erklärt die Quelle, die Ursachen und die Triebkräfte der Entwicklung. In jedem natürlichen und gesellschaftlichen System befinden sich bestimmte Elemente, Kräfte, Tendenzen, Prozesse usw. in einer aktiven Wechselwirkung. Sie bilden im Rahmen des Systems eine Einheit, bedingen einander, aber schließen einander zugleich aus, wirken in entgegengesetzter Richtung, das heißt, sie liegen sozusagen im „Kampf“ miteinander. Dieser „Kampf“ der Gegensätze, die sich im Verhältnis der Einheit und des gleichzeitigen „Kampfes“ befinden, bilden einen dialektischen Widerspruch. Alle materiellen Systeme und Prozesse sind durch dialektische Widersprüche charakterisiert. Diese dialektischen Widersprüche bestimmen die Struktur und die Entwicklung der materiellen Systeme, sie sind die eigentliche Quelle der Bewegung und Entwicklung. Aus diesem Grund hat Karl Marx auch im ersten Band des „Kapital“ den Widerspruch als „die Springquelle aller Dialektik“ bezeichnet und Lenin nannte in seiner Schrift „Konspekt zu Hegels Wissenschaft der Logik“ die Lehre vom Widerspruch den „Kern der Dialektik“.
 

2.4.2. Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in neue qualitative Zustände.

Das Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in neue qualitative Zustände erklärt den allgemeinen Entwicklungsmechanismus. Es charakterisiert also eine weitere wesentliche Eigenschaft aller Entwicklungsprozesse. In der Bewegung beliebiger materieller Systeme erfolgen ständig Veränderungen quantitativer Art. Diese quantitativen Veränderungen vollziehen sich jedoch im Rahmen, in den Grenzen der gegebenen Qualität. Erst an einem ganz bestimmten Punkt führen die kontinuierlichen quantitativen Veränderungen zu einem plötzlichen Übergang in eine neue Qualität. Dann wird die allmähliche Veränderung, die evolutionäre Phase der Entwicklung, durch eine sprunghafte Veränderung, durch die revolutionäre Phase der Entwicklung, abgelöst. Evolution und Revolution machen also das Wesen der Entwicklung aus. Die Evolution, die quantitativen Veränderungen, bereiten die Revolution, den qualitativen Sprung, vor, in dessen Verlauf das alte System grundlegend umgestaltet beziehungsweise beseitigt wird und ein neues System mit einer völlig neuen Qualität entsteht. Diese neue Qualität bildet zugleich mit den ihr gemäßen Quantitäten eine neue Einheit. Der weitere Entwicklungsprozess verläuft auf der Grundlage der neuen Qualität zunächst wieder in Form quantitativer Veränderungen, bis ein erneuter Umschlag in eine neue Qualität erfolgt. Die Entstehung einer neuen Qualität im Entwicklungsprozess bedeutet, dass die alte Qualität „negiert“ (verneint) wird.
Die dialektische Negation bedeutet, dass im Entwicklungsprozess die Qualität, in deren Rahmen die Entwicklung bisher erfolgte, aufgehoben, beseitigt, überwunden wird und eine neue Qualität entsteht. Aber die alte Qualität wird nicht einfach vernichtet, sie verschwindet nicht spurlos. Vielmehr wird bei dieser Negation das bisherige positive Entwicklungsresultat aufbewahrt, es wird in die neue Qualität übernommen und dient hier als Grundlage der weiteren Entwicklung. Nachdem eine neue Qualität entstanden ist, vollzieht sich die weitere Entwicklung in ihrem Rahmen. Wenn die quantitativen Veränderungen ein bestimmtes Maß erreicht haben, erfolgt erneut der Umschlag in eine neue Qualität, das heißt, die frühere Qualität wird ebenfalls negiert. Diese war die Negation der vorangegangenen Qualität, nun wird sie ihrerseits negiert. Betrachten wir den ganzen Entwicklungszyklus in seinem Verlauf und Zusammenhang, dann können wir ihn als Negation der Negation charakterisieren.
 

2.4.3. Gesetz der Negation der Negation

Das Gesetz der Negation der Negation erklärt die allgemeine Richtung der Entwicklung als Fortschreiten vom Niederen zum Höheren und zeigt den inneren Zusammenhang der Entwicklungsstadien.
Die Entwicklung der materiellen Welt vollzieht sich in Entwicklungszyklen, die jeweils als Negation der Negation auftreten. Die Entwicklungszyklen sind aber keine geradlinige Höherentwicklung, sondern gleichen eher einer Spirale, die mit der Höherentwicklung zugleich in gewisser Hinsicht eine Rückkehr zum Ausgangspunkt des Entwicklungszyklus verbindet, weil bestimmte Züge, Eigenschaften usw. der früheren Entwicklungsstufe auf höherem Entwicklungsniveau wiederkehren. Lenin nannte dies eine „Entwicklung, die die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal durchmacht, aber anders, auf höherer Stufe, eine Entwicklung, die nicht geradlinig, sondern sozusagen in der Spirale vor sich geht.“ (Lenin, LW 21: 42 f.)
 

2.5. Bedeutung der Praxis in der marxistischen Philosophie

„In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit (…) seines Denkens beweisen.“ (Marx, MEW 3: 5)
Praxis ist die gesellschaftliche, materiell-gegenständliche Tätigkeit der Menschen, die darauf gerichtet ist, die natürliche und gesellschaftliche Umwelt entsprechend den Zwecken der Menschen bewusst und zielgerichtet zu verändern. In der Praxis, in der materiellen Produktion, der politischen Tätigkeit usw. werden die über Natur und Gesellschaft gewonnenen Erkenntnisse angewandt. Bei dieser Anwendung zeigt sich, wieweit sie mit der objektiven Realität übereinstimmen. Wenn eine Erkenntnis bei ihrer Anwendung zu den im Voraus berechneten Ergebnissen führt, dann ist das ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass diese Erkenntnis ein wahres Abbild des betreffenden Gegenstandes oder Vorganges ist. Dann wissen wir, dass dieses Abbild tatsächlich mit der objektiven Realität übereinstimmt.
„Die Herrschaft über die Natur, die sich in der Praxis der Menschheit äußert, ist das Resultat der objektiv richtigen Widerspiegelung der Erscheinungen und Vorgänge der Natur im Kopfe des Menschen, ist der Beweis dafür, daß diese Widerspiegelung (in den Grenzen dessen, was uns die Praxis zeigt) objektive, absolute, ewige Wahrheit ist.“ (Lenin, LW 14: 187)
 

Literaturverzeichnis

Engels, Friedrich (1981a). Der deutsche Bauernkrieg. Vorbemerkung zur dritten Auflage von 1875. In: MEW Bd. 18. Berlin
Engels, Friedrich (1981b). Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW Bd. 21. Berlin
Engels, Friedrich (1982). Einleitung zur englischen Ausgabe von Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In. MEW Bd. 22. Berlin
Engels, Friedrich (1983a): Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. In: MEW Bd. 20. Berlin
Engels, Friedrich (1983b). Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. In: MEW Bd. 20. Berlin
Feuerbach, Ludwig (1871). Das Wesen des Christentums. Leipzig
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1830). Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte. Band 1. Die philosophische Weltgeschichte
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1979). Einleitung in die Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. In: Werke in zwanzig Bänden. Bd. 18. Frankfurt am Main
Lenin, W.I. (1981). Konspekt zu Hegels „Wissenschaft der Logik“. In: LW Bd. 38. Berlin.
Lenin, W. I. (1984). Karl Marx. In: LW Bd. 21. Berlin
Lenin, W.I. (1985). Materialismus und Empiriokritizismus. In: LW Bd. 14. Berlin
Marx, Karl (1983). Thesen über Feuerbach. In: MEW Bd. 3. Berlin
Schopenhauer, Arthur (1851). Parerga und Paralipomena. Kleine philosophische Schriften. Zweiter Band. Berlin