Willi, der Pflasterstein und der verarschte Günther

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In den sozialen Medien wird gerade ein Video geteilt, das den Auftritt des Funktionärs Willi Mernyi auf dem ÖGB-Kongress zeigt. Eindrucksvoll marschierte er mit einem 17 Kilogramm schweren Pflasterstein auf das Podium, nicht etwa um nach jemandem damit zu werfen, sondern um von Günther, dem Pflasterer aus der Donaustadt zu erzählen. Willi hatte sich klug ausgerechnet, welche Lasten Günther den ganzen Tag über sein Kreuz bewegt, und um wie viel er mehr schleppen und knien müsste, wenn der 12-Stunden-Tag eingeführt würde. Und wie er dann am Ende eines langen Arbeitslebens auch noch von irgendwelchen Trotteln im Gesundheitswesen belehrt wird, er hätte besser auf seinen Körper achten sollen, dann hätte er vielleicht keinen kaputten Rücken oder lädierte Knie. Sehr eindrucksvoll und eingängig, die Rede von Willi.
Nun muss man wissen, dass Willi NLP-geschult ist. NLP (Neurolinguistische Programmierung) ist eine Mischung aus Rhetorik und Psychologie, vermischt zu einer Manipulationstechnik, in der etwa auch die führenden FPÖ-Funktionäre ausgebildet wurden. Deshalb kamen seine wohlgesetzten Worte auch so schön in den Hirnen und Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer an. Aber Willi hat etwas vergessen, oder er wollte es nicht sagen, weil dann seine Botschaft nicht so gut rübergekommen wäre. Günther muss jetzt schon bis zu 10 Stunden am Tag arbeiten. Und das, ohne dass er dafür einen Überstundenzuschlag bekommt. Seine Wochenarbeitszeit kann in 20 von 52 Wochen auf bis zu 45 Stunden ausgedehnt werden. In der heißesten Zeit des Jahres, wenn die Temperaturen in der Luft bei bis zu 40 Grad und am aufgeheizten Boden noch um einiges darüber liegen, steht, schleppt und kniet Günther also zehn Stunden am Tag. Für die Mehrstunden, die er leistet, muss ihm seine Firma keinen Überstundenzuschlag bezahlen. Denn bis zu 120 auf diese Weise erworbene “Zeitguthabenstunden” werden im Zeitausgleich 1:1 abgebaut, erst darüber hinaus gehende Stunden mit 1:1,5.
Das hat Willi nicht gesagt. Sonst hätte er den anwesenden Vorsitzenden der Baugewerkschaft, Beppo Muchitsch, am Ende noch fragen müssen, warum das so ist? Warum Günther in der prallen Sonne zehn Stunden schuften muss, obwohl wir ja den 8‑Stunden-Tag haben. Er hätte fragen müssen, warum ihm auch noch die Überstundenzuschläge gestohlen werden? Und er hätte am Ende feststellen müssen, dass Günther verarscht wird. Von genau jener Gewerkschaft, die ihn vertreten sollte. Denn die hat dem Druck der Baukonzerne schon vor vielen Jahren nachgegeben, und die Büchse der Pandora geöffnet. Sie hat zugestimmt, dass in der Hochsaison, dann, wenn die Arbeit besonders anstrengend und schweißtreibend ist, Günther kaum noch Gelegenheit hat, unter der Woche nach Feierabend auf die Donauinsel baden zu gehen oder mit seinen Kindern auf ein Eis. Denn Günther kommt heim und fällt um. Er ist ausgelaugt und fertig von zehn Stunden schleppen und knien in der prallen Sonne. Und dass das so ist, verdankt er der Gewerkschaft. Es ist schön, dass die sich jetzt dafür einsetzt, dass er nicht auch noch 12 Stunden arbeiten muss. Ob Günther der Gewerkschaft auch vertraut, dass sie das erfolgreich verhindert wird? Naja. Einmal umgefallen, immer umgefallen, denkt sich Günther.
Deshalb sagen wir von der Partei der Arbeit: Günther, der Willi hat schön gesprochen. Aber er hat auch viel verschwiegen. Es ist besser, Günther, Du verlässt dich nicht zu sehr auf Willi und Beppo und Wolfgang. Verlass dich lieber auf Dich und deine Kollegen. Nehmt die Sache selbst in die Hand. Zieht im Sommer einmal vor das Parlament, oder vor das Bundeskanzleramt, oder vor die Zentrale der Baukonzerne. Oder zieht vor die Gewerkschaftszentrale am Handelskai, und sagt Willi, Max und Wolfgang, sie sollen sich zehn Stunden in die Sonne knien und Pflastersteine verlegen. Dann werden sie vielleicht verstehen, was sie Dir und deinen Kollegen schon mit den geltenden Regeln angetan haben. Sie sind stark am Gewerkschaftskongress und schwach am Verhandlungstisch. Die Sprache der Pflasterer werden die Konzernbosse besser verstehen, als die der gutsituierten Gewerkschaftsbosse, das können wir Dir garantieren, Günther. Deshalb: Sprecht selbst! Seid laut! Wehrt euch! Maximal 8 Stunden am Tag, 35 Stunden die Woche, das ist genug!
Otto Bruckner, Vorsitzender der PdA