Heute mehr denn je: Sozialismus oder Barbarei!

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Ein Text von Otto Bruckner, Vorsitzender der PdA, zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Die erste Nachricht von den weltgeschichtlichen Umwälzungen, die mit der Oktoberrevolution am 7.November unserer Zeitrechnung in Russland eingeleitet wurden, erhielt die österr. Öffentlichkeit am 9. Nov. 1917 durch einen Artikel in der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung:
„Ein Ereignis von gewaltiger Bedeutung hat sich heute vollzogen. Die Diktatur des Proletariats ist in Petersburg zur Wirklichkeit geworden…Unsere leidenschaftlichen Wünsche sind heute bei unseren russischen Brüdern! Siegen sie in ihrem Kampfe, den sie so kühn begonnen haben, so beginnt eine neue Epoche im Befreiungskampf des internationalen Proletariats! In Rußland geht es um unsere eigenste Sache: vor allem um die Sache des Friedens.“
Zwei Wochen zuvor hatte ein Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschösterreichs zum Ergebnis, dass die Parteiführung um Viktor Adler sich unter dem Druck eines erstarkenden linksradikalen Flügels in Selbstkritik übte, und sich für die rasche Beendigung des seit drei Jahren mit furchtbarem Blutzoll der proletarischen Massen wütenden ersten Weltkrieges einsetzte. Denn die SP Deutschösterreichs hatte sich, ebenso wie die Sozialdemokraten Deutschlands und vieler anderer Länder zu Kriegsbeginn an die Seite der nationalen Kriegstreiber gestellt, und im Parlament auch für die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt.
Lenins Partei, die russischen Bolschewiki, waren die einzigen, die von Beginn an eine internationalistische Position einnahmen. Lenin war auch um die Sammlung der Kriegsgegner in den sozialdemokratischen Parteien bemüht, und daher Mitinitiator der „Zimmerwalder Konferenz“, die 1915 in der neutralen Schweiz stattfand. Das „Manifest“ dieser Konferenz schließt mit den Worten:
„Niemals in der Weltgeschichte gab es eine dringendere, eine höhere, eine erhabenere Aufgabe, deren Erfüllung unser gemeinsames Werk sein soll. Kein Opfer ist zu groß, keine Last zu schwer, um dieses Ziel: den Frieden unter den Völkern, zu erreichen. Arbeiter und Arbeiterinnen…wir rufen euch zu: über die Grenzen, über die rauchenden Schlachtfelder, über die zerstörten Städte und Dörfer hinweg – Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Die Partei, die den konsequenten Weg des Internationalismus einschlug, und sich nicht an die Seite der „eigenen“ kriegführenden Bourgeoisie stellte, war die Partei Lenins. Sie hatte im Jahr 1917 deshalb keine halben Selbstkritiken vorzubringen, sondern trieb die Verhältnisse in Russland voran zur Revolution. Bereits im Februar 1917 wurde in Russland in der sogenannten „Februarrevolution“ die Monarchie gestürzt. Es entstand ein Nebeneinander einer bürgerlichen provisorischen Regierung mit Arbeiter- und Soldatenräten in den großen Städten. Gestützt auf den zunehmenden Einfluss in diesen Räten trieben die Bolschewiki die Widersprüche voran, und unter Losung „Frieden, Arbeit, Brot“ begann im Oktober, was Karl Liebknecht aus dem Zuchthaus heraus schon im Sommer 1917 in Bezug auf die Ergebnisse der Februarrevolution geschlussfolgert hatte: „Nur eine Ganzheit, keine Halbheit,…nur eine Diktatur des Proletariats kann die russische Revolution für die Massen retten;“
Was ist nun die Bedeutung der Oktoberrevolution aus heutiger Sicht?
Gemeinsam mit mehr als 40 anderen kommunistischen und Arbeiterparteien aus aller Welt hat die Partei der Österreichs im August 2017 die „Erklärung der Konferenz von Leningrad unterzeichnet, in der die bleibende Bedeutung der Großen sozialistischen Oktoberrevolution folgendermaßen zusammengefasst wird:
„Der Oktober 1917 bestätigte die Richtigkeit von Lenins Analyse, wonach unter den Bedingungen des Imperialismus der Sieg der sozialistischen Revolution „zunächst in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.“ Im Gegensatz zu allen vorherigen Revolutionen, die lediglich zum Wechsel von einer Ausbeutungsformation zur anderen führten, wird die sozialistische Revolution nicht abgeschlossen, sondern begonnen mit der Eroberung der politischen Macht – der Etablierung der Diktatur des Proletariats als notwendiger Bedingung für den Sieg des Proletariats im fortgesetzten Kampf für den Aufbau des Sozialismus und des vollständigen Kommunismus, für die Niederhaltung des Widerstandes der gestürzten Ausbeuterklassen sowie der konterrevolutionären Elemente, für den Schutz vor der Bedrohung durch eine imperialistische Aggression.
 Dieser Weg, der erstmals von der Pariser Kommune beschritten wurde, ist der Weg der Vorhut. Der Kommunismus, ausgehend von jenem Gespenst, das Marx und Engels im 19. Jahrhundert beschrieben haben, begann seine wirkliche Reise mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland. Der Sozialismus in einem Land wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf ein weltweites System ausgebaut und die Sowjetunion wurde zur zweiten Supermacht der Erde. Im andauernden Kampf gegen äußere und innere Feinde, im Kampf auf Leben und Tod gegen den Faschismus, gegen die Welt der Unterdrückung und des Obskurantismus, schuf sie eine neue Welt ohne Ausbeutung und Parasitismus, eine Gesellschaft der Freiheit und Gerechtigkeit. Während der 70 Jahre ihrer Existenz war die Sowjetunion ein Signalfeuer, das Licht auf den Weg der unterdrückten Völker warf; sie war ein Aufruf für das Proletariat, sich im Kampf für seine Emanzipation zu erheben.“
Die Große Sozialistische Oktoberrevolution, und so nennen wir sie in dieser Veranstaltungsreihe von PdA, KJÖ und KSV ganz bewusst, hat die Kommunistische Weltbewegung hervorgebracht. Auch in Österreich entstand am 3. November 1918, knapp ein Jahr nach Beginn der Oktoberrevolution die „Kommunistische Partei Deutschösterreichs“, später KPÖ, in deren revolutionärer Traditionslinie heute die 2013 gegründete PdA steht. Der Preis, den die nach dem Zusammenbruch der Monarchie nach Kriegsende am Boden liegende Kapitalistenklasse für ihren Machterhalt zu zahlen bereit war, war in der damals revolutionären Situation 1917 – 1919 und auch noch in die 1920er Jahre hinein enorm. Das Kapital brauchte die Sozialdemokratie unbedingt für den Machterhalt, da diese ihren Masseneinfluss in der österreichischen Arbeiterschaft dazu nützte, radikale Phrasen mit abwiegelnder Praxis zu verbinden, und damit eine Revolution in Österreich zu verhindern.
Der revolutionären Situation nach der Oktoberrevolution und ihrer Fernwirkung sind große sozialpolitische Reformen in ihrem unmittelbaren Gefolge zu verdanken. Einen Beschleunigungsfaktor stellte aber auch die an der Ostgrenze Österreichs entstandene Ungarische Räterepublik dar. Es wurde die Arbeitslosenunterstützung eingeführt, der 8‑Stunden-Tag, gesetzlich geregelt wurden Kinder- und Heimarbeit; es entstand die in Österreich beispiellose Wohnbaupolitik der Gemeinde Wien. Dazu kamen demokratiepolitische Zugeständnisse und die Schaffung der Kammern, für die Werktätigen die Arbeiterkammer, die heute wieder auf der Zerstörungsagenda des Kapitals steht.
Durch die Oktoberrevolution entstand nicht nur der erste sozialistische Staat, es wurde der erste sozialistische Staatenbund – die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken – auf Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker geschaffen.
Es entstand eine neue wirtschaftliche Ordnung, welche sowohl den Grund und Boden als auch die Schlüsselindustrien in Volkseigentum überführte und damit große Ausstrahlung auf die ArbeiterInnen aller anderen Länder ausübte.
Zum 4. Jahrestag 1921 schrieb Lenin, „…daß zum ersten Mal in Jahrhunderten und Jahrtausenden die Sklaven den Krieg zwischen den Sklavenhaltern mit der offenen Verkündung der Losung beantwortet haben: Lasst uns diesen zwischen den Sklavenhaltern um die Teilung der Beute geführten Krieg umwandeln in den Krieg der Sklaven aller Nationen gegen die Sklavenhalter aller Nationen!“
Die Oktoberrevolution wurde von Beginn an blutig und durch die Unterstützung ausländischer Interventionsarmeen bekämpft. Mit Mord und Totschlag wurde verhindert, dass ihr die Unterdrückten in anderen Ländern folgten. Die Räterepubliken in Bayern und in Ungarn konnten sich nicht lange halten und auf ihre Niederschlagung folgten blutige Racheaktionen. In Deutschland wurden die Führer des starken revolutionären Flügels der deutschen Arbeiterbewegung, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet.
Noch aus dem Gefängnis schrieb Rosa Luxemburg an Luise Kausky ihre Befürchtung, dass die „Russen sich in diesem Hexensabatt nicht halten können – nicht weil die Statistik eine so rückständige ökonomische Entwicklung aufweist, wie Dein gescheiter Gatte ausgerechnet hat, sondern weil die Sozialdemokratie in dem hochentwickelten Westen aus hundsjämmerlichen Feiglingen besteht und die Russen, ruhig zusehend, sich werden verbluten lassen. Aber ein solcher Untergang ist besser als ein ‘Stehenbleiben für das Vaterland‘, es ist eine weltgeschichtliche Tat, deren Spur in Äonen nicht untergehen wird.“
Die russische Revolution blieb fürs Erste allein, aber sie ging nicht unter. Sie behauptete sich. Unter den widrigsten Umständen wurde der Aufbau der ersten sozialistischen Gesellschaft der Welt begonnen. Dabei gab es kaum Zeiten, den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in Ruhe vorantreiben zu können.
Die aus der Oktoberrevolution heraus entstandene Sowjetunion hatte nicht nur mit inneren Feinden, welche auf die Restauration des Kapitalismus hinarbeiteten, zu kämpfen, sondern auch mit einer Vielzahl an Äußeren. Nicht nach Lehrbüchern und Schablonen fand ihre Entwicklung statt, sondern nach den Widersprüchen, den Widrigkeiten und den Möglichkeiten, die sich aus den realen Kämpfen ergaben. Dass dabei stets Neuland betreten wurde, und dabei auch teils schwerwiegende Fehler gemacht wurden, ist nur zu logisch.
Den gewaltigsten Angriff hatte die Sowjetunion mit dem Angriff des Hitler-Faschismus 1941 zu überstehen. Sie hatte den größten Blutzoll, die schlimmsten Zerstörungen zu bewältigen, und zugleich den größten Anteil an der Zerschlagung des Faschismus.
Die Zerschlagung des alten Kolonialsystems und die Herausbildung neuer, junger Staaten, die Schaffung eines anderen, eines sozialistischen Weltsystems nach 1945, das alles wäre undenkbar ohne die Oktoberrevolution.
„Wir haben dieses Werk begonnen“ schrieb Lenin, „wann, in welcher Frist, die Proletarier welcher Nation dieses Werk zu Ende führen werden, das ist unwesentlich. Wesentlich ist, dass das Eis gebrochen, dass die Bahn freigemacht, dass der Weg gewiesen ist.“
Nach der Zerschlagung der Sowjetunion 1991 und der Restauration des Kapitalismus sagten die damaligen Modephilosophen wie Fukujama den „Endsieg des Kapitalismus“ voraus. 2,5 Jahrzehnte später erzeugte das kapitalistische Finanzsystem die tiefste weltweite Krise, die bis heute andauert.
Es ist heute mehr denn je die Losung „Sozialismus oder Barbarei“ angebracht. Der Kapitalismus wird nicht in der Lage sein, die großen Probleme der Menschheit, wie Umweltzerstörung, Krieg und Hunger zu lösen, denn seine Profitlogik ist der entscheidende Verursacher.
Deshalb ist jemandem, der die Welt verändern will, auch von politischen Bewegungen, die vorgeben, die großen Menschheitsprobleme im Rahmen des Kapitalismus lösen zu können, abzuraten. Sozialdemokraten, Grüne, aber auch die transformierte Linke, die etwa auf Lösungen im Rahmen der EU hoffen, sind Teil des Problems, nicht der Lösung. Sie stehen bereit, dem Kapitalismus bei der Krisenbewältigung zu helfen, und sei es durch die Inkaufnahme massenhafter Verarmung breiter Volksschichten, wie es der „linke“ Premier und Star der europäischen Linken, Tsipras, in Griechenland vorexerziert.
Von der Oktoberrevolution, die von breiten, auch nicht proletarischen Volksmassen getragen wurde, können wir lernen, dass revolutionäre Arbeiterparteien all jene Schichten als ihre Verbündeten betrachten müssen und sollen, die nicht zu den Kapitalisten und Kriegstreibern gehören, oder auf heute umgelegt, die nicht zu den großen Konzernen und Banken gehören.
Durchschnitten wurde das Band der revolutionären Bewegungen durch vielerlei Faktoren. Durch die Konterrevolution ebenso wie durch die zersetzende Tätigkeit sogenannter „Marxisten“, die unsere Weltanschauung zerreden und zu einem unnützen Geschwafel machen. Sie stehen mit ihrer Tätigkeit auf der anderen Seite der Barrikade.
Diesseits der Barrikade stehen wir, die KommunistInnen mit allen aufrichtigen, klassenbewussten und den einfachen Menschen, die, wenn sie ihre Kraft erkennen, früher oder später dem Beispiel der Oktoberrevolution folgen werden.
Unsere Arbeit ist es, ihnen mit Geduld und Beharrlichkeit das Rüstzeug dafür in die Hand zu geben. Und das wird möglicherweise eine Arbeit für viele Generationen, oder auch nicht. Lenin war noch im Jänner 1917 der Meinung, dass er die sozialistische Revolution nicht mehr erleben werde, deshalb sollte man mit Prognosen vorsichtig sein.
Referat des PdA-Vorsitzenden Otto Bruckner, gehalten am 19.10. 2017 in Innsbruck, am 20.10. in Salzburg und am 29.10. in Eisenstadt.