Klassentheorie – Klassenanalyse – Arbeiterklasse

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Bild EuW Selma„Klassenanalyse kann kein Politikersatz sein. Noch weniger ist sie in der Lage, fehlendes Klassenhandeln zu ersetzen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die realen Formen von Macht und Abhängigkeit sowie die Ursachen sozialer Ungleichheit zu analysieren und die ökonomisch vermittelte Dynamik von Ausgrenzung und Prekarisierung zu erklären. Indem sie sich auf die Komplexe Ausbeutung und Aneignung konzentriert, kann die Klassenanalyse dazu beitragen, nicht nur den Klassenwiderspruch, sondern auch Klasseninteressen (wieder) bewusst zu machen. (…)Die Klassentheorie kann die elementaren Widerspruchsstrukturen herausarbeiten und auf objektive Möglichkeiten des Aufbegehrens und des Widerstandes hinweisen. Die Widerspruchserfahrungen müssen jedoch von den Menschen selbst verarbeitet und zur Grundlage politischer Praxis gemacht werden.“ (W. Seppmann, Umbau der Klassengesellschaft, Neue-Impulse-Verlag 2006. S.8ff)
„Es herrscht Klassenkampf, und meine Klasse gewinnt.“  (Warren Buffet, US-amerikanischer Finanzkapitalist)
1. Die Arbeiterklasse als historisches und als revolutionäres Subjekt
Der Klassenbegriff ist kein bloßer Strukturbegriff oder konstatiert nur entgegengesetzte Interessen, sondern enthält vielmehr in sich das Entwicklungsprinzip und die Perspektive seiner Aufhebung.
Die Arbeiterklasse hat als einzige Klasse im Kapitalismus die Fähigkeit, kraft ihrer objektiven Interessen eine andere Produktionsweise hervorzubringen, die auf einem höheren Niveau als die der vorherigen Gesellschaftsform liegt.
Die Arbeiterklasse ist das Subjekt gesellschaftlicher Veränderung, = das revolutionäre Subjekt.
Alle früheren Klassen haben, auch in ihrer revolutionären Entwicklungsphase, ihre besonderen Interessen gegenüber der Gesamtgesellschaft verfochten (Sonderinteressen wurden zur allgemeinen Norm erhoben).
Die Arbeiterklasse verkörpert keine derartigen Sonderinteressen, da sie keine neue, andere Form der Etablierung des privaten Produktionsmitteleigentums anstrebt, sondern mit der Überwindung des Privateigentums an Produktionsmitteln zugleich die gesellschaftliche Wurzel der Ausbeutung und Unterdrückung selbst aufheben will.
Denn die grundlegenden Gegenwarts- und Zukunftsinteressen der Arbeiterklasse fallen mit den grundlegenden objektiven Interessen der überwiegenden Mehrheit der Menschheit zusammen.
Diese „historische Mission“ der Arbeiterklasse heißt jedoch nicht, dass die ArbeiterInnen über besondere Qualitäten verfügen, die Arbeiterklasse allein Geschichte machen würde, sie in jeder Situation die aktivste Kraft in gesellschaftlichen Befreiungskämpfen darstellen würde oder dass sie immer und überall die am meisten bedrückte und ausgebeutete Klasse der Gesellschaft wäre.
„Der Betrieb ist der zentrale Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, denn in seiner Struktur liegt der archimedische Punkt der Macht des Kapitals. Die bürgerliche Hegemonie auf den anderen sozialen, ideologischen und kulturellen Feldern ist zu dieser Machtkonzentration vermittelt. Ohne Verbindung zu den zentralen gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsbereichen laufen Widerstandsbewegungen leicht Gefahr, nur begrenzte Wirkungen zu erzielen. Trotz aller relativierenden Tendenzen, trotz der Bedeutungszunahme anderer Sektoren der Arbeitswelt, bleibt die Arbeiterklasse in den industriellen Kernbereichen von besonderer Bedeutung, denn sie sind der Dreh- und Angelpunkt des kapitalistischen Reproduktionssystems. (…) Jedoch ist durch die geschilderten strukturellen Veränderungen die Notwendigkeit von Allianzen, Bündnissen und Zusammenschlüssen, vorrangig mit anderen Teilen der Lohnarbeiterklasse gewachsen, die ebenfalls an der Mehrwertproduktion, bzw. an der Realisierung des Mehrwerts Anteil haben. Aber intendiert werden muss nicht minder, die Einbeziehung aller, die unter dem Kapitalismus leiden, deren Existenzbedingungen durch eine ungebremste Verwertungs- und Destruktionslogik bedroht werden. (…) Auch wenn in der gewerkschaftlichen Praxis ´sozialpartnerschaftliche´ Illusionen noch weit verbreitet sind, so ist die Arbeitswelt dennoch der Ort der unmittelbaren Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit und das Zentrum der gesellschaftlichen Widerspruchserfahrungen. Deshalb kann weiterhin davon ausgegangen werden, dass die Arbeiterklasse im Sinne von Marx das Negationsprinzip der bürgerlichen Gesellschaftsformation darstellt, sie aufgrund ihrer Möglichkeiten die entscheidende Kraft im Kampf gegen das Kapital und für den Sozialismus ist.“ (W. Seppmann, “Die verleugnete Klasse – Zur Arbeiterklasse heute”, S. 208ff, Kulturmaschinen-Verlag 2011)
„Historisches Subjekt“ ist die Arbeiterklasse nur potentiell, wenn sie von der Klasse an sich zur Klasse für sich wird: „Das Proletariat politisch zu organisieren, es mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen, es geistig und physisch kampffähig zu machen und zu erhalten“( Hainfelder Programm 1888/89)
Die Menschen müssen selbst praktische Widerspruchs- und Kampferfahrungen gewinnen, diese selbst verarbeiten und zur Grundlage politischer Praxis machen.
2. Klassenanalyse nach Marx, Engels und Lenin
Pyramid_of_Capitalist_SystemEine erste Definition von Klassen findet sich im Kommunistisches Manifest in einer Anmerkung von Engels im Kapitel „Bourgeois und Proletarier“: Unter Bourgeoisie wird die Klasse der modernen Kapitalisten verstanden, die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind und Lohnarbeit ausnutzen. Unter Proletariat die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können.“
Lenin hat in „Die große Initiative“ (1919) die Klassendefinition weiterentwickelt:
„Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit der anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.“
Diese Definition kann in fünf darin enthaltene Grundaussagen aufgedröselt werden:

  1. Klassen sind große Menschengruppen. Kleinere Gruppen mit spezifischen Merkmalen sind also keine Klassen, können aber als Schichten zwischen den Klassen existieren.
  2. Klassen sind nach ihrem Platz im System der gesellschaftl. Produktion bestimmt und unterscheiden sich dadurch. Sie müssen also auch auf die Gesamtgesellschaft bezogen werden. Im Schlusssatz wird die Formulierung „gesellschaftliche Produktion“ durch „gesellschaftl. Wirtschaft“ erweitert. Die Bestimmung einer Klasse ist also nicht nur auf die produktiven Bereiche beschränkt, auch nichtproduktive gesellschaftl. Bereiche müssen in die Analyse miteinbezogen werden. Marx verwendete auch den Begriff des „gesellschaftl. Gesamtarbeiters“. Dazu gehören z.B. Beschäftigte im Reproduktionsbereich, etwa im Gesundheitswesen. Beschäftigte im Handels- und Bankbereich vergrößern zwar nicht den in der Produktion geschaffenen Mehrwert, aber den Profit („nicht indem er direkt Mehrwert schafft, aber indem er die Kosten der Realisierung des Mehrwerts vermindern hilft“, Kapital III) „In einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion“ bedeutet: Die Bestimmung des Systems der gesellschaftl. Produktion bzw. Wirtschaft muss historisch erfolgen, Klassen bestimmen sich also immer nach dem historisch-konkreten System, sie entstehen, wachsen, können auch vergehen.
  3. Klassen bestimmen sich nach ihrem Verhältnis zu den Produktionsmitteln, was im Kern die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist, welche juristisch und durch gesellschaftl. sanktionierte Macht garantiert und bestimmt sind.
  4. Daraus leitet sich die Art der Erlangung und die Größe des gesellschaftlichen Reichtums, über den die jeweiligen Gruppen verfügen, ab. Dies wird auch durch ihre Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeitsteilung bestimmt. Kern ist und bleibt zwar die Eigentumsfrage, aber eine ausschließliche Bestimmung über den formaljuristischen Besitz an Produktionsmitteln würde zu kurz greifen. Interessant in diesem Zusammenhang ist § 36 Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG): Vom „Arbeitnehmerbegriff“ sind in Österreich „leitende Angestellte, denen maßgebender Einfluß auf die Führung des Betriebes zusteht“ ausgenommen. Beispiele: ein lohnabhängiger angestellter Spitzenmanager welchem die Eigentümerfunktion überantwortet wird oder der angestellte Personalchef eines Vereins. Wichtig ist also nicht nur: wem gehören die Produktionsmittel, sondern auch: wer kann darüber bestimmen, wer kommandiert und wer gehorcht, wer leitet und wer führt aus – auch dies bestimmt die Klassenzugehörigkeit. Wofür wird jemand gebraucht? Für die Produktion und Reproduktion (als gesellschaftl. Gesamtarbeiter), oder fungiert er/sie in den Herrschaftsapparaten? Marx selbst sprach in diesem Zusammenhang auch von „aggregierten Gruppen der Bourgeoisie“. Die Art der Erlangung des Anteils am gesellschaftl. Reichtum fragt danach, welche spezifische Funktion im Zusammenhang mit der Kapitalverwertung jemand ausübt.
    Nicht einfach nur die Einkommenshöhe, sondern die Art der Einkommen unterscheidet die Klassen fundamental. Also ist auch nicht die Änderung der Einkommensverteilung, sondern die Änderung des Einkommensprinzips die Aufgabe gesellschaftlicher Umgestaltung!
  5. Der letzte Satz, dass „Klassen Gruppen von Menschen sind, von denen die eine sich die Arbeit der anderen infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft aneignen kann“ ist nicht nur eine Zusammenfassung, sondern soll den Ausbeutungscharakter der Klassengesellschaften verdeutlichen: Klassen bestehen nicht nebeneinander, sondern übereinander in einem Ausbeutungsverhältnis und sind aufeinander bezogen: Sie bestimmen sich dadurch, dass die eine sich das Mehrprodukt (oder den produzierten Mehrwert) der anderen systematisch aneignen kann.

Lenins Definition ist die Grundlage und der Ausgangspunkt für eine aktuelle marxistische Klassendefinition.
3. Bürgerliche Modelle der Sozialstruktur der Gesellschaft
Vielfältige soziologische Theorien beschreiben die Sozialstruktur der Gesellschaft.
Sozialstruktur meint vorerst nichts anderes als die analytische Gruppierung der in dieser Gesellschaft lebenden Menschen anhand bestimmter Merkmale. Man gruppiert so Personen nach konkret messbaren Merkmalen, z. B. nach Alter, Bildungsgrad, Erwerbsleben, Geschlecht, Herkunft, Einkommensverhältnissen, Wohnsituation usw. Es können auch mehrere Merkmale kombiniert werden, z.B. Alter und Geschlecht oder Bildungsgrad und Einkommensverhältnisse.
“So” ist die Gesellschaft – und auch wieder nicht. Denn derartige, beschreibende Modelle sind statisch und erklären letztlich nichts. Klassische bürgerliche Erklärungsmodelle sind vorrangig das „Schichtenmodell“, weiters das „Zwei-Drittel-Modell“ und der „Lebensweise-Ansatz“.
Das Schichtenmodell
Das grundlegende Deutungsinteresse eines solchen Modells ist: Wichtig und zentral für eine entwickelte bürgerliche Gesellschaft ist die sogenannte “Mittelschicht”. Zu ihr gehören alle ArbeiterInnen, Angestellten, BeamtInnen, Gewerbetreibenden, Freiberufler, usw.
Natürlich gibt es auch hier Unterschiede, aber diese sind nur zweitrangig. Denn: jede/r hat ein Auto, ein Haus oder eine Wohnung, kann sich Urlaub leisten, legt etwas für die Kinder auf die Seite…
Die “Anderen”, das sind aus diesem Modell heraus “wenige”: längere Zeit Arbeitslose, prekär Beschäftigte, Obdachlose, bestimmte Gruppen von MigrantInnenen usw. – jedenfalls: zu denen gehört man nicht, sie sind „ganz unten“ und haben – zunehmend – “selber schuld” oder eben „Pech gehabt“. Dann gibt es noch ein paar Reiche, die durch Erbschaft oder „Leistung“ dorthin gekommen sind, jedenfalls aber eher zufällig. Manch ein Mittelschichtler träumt sogar davon real dorthin aufzusteigen, manche investieren in Aktien, oder wittern irgendwie und irgendwo anders das große Geschäft, viele träumen einfach davon, mittels eines Lottogewinns da hinzukommen – wohl wissend, dass dies illusionär ist. Der massenhaft eingetrichterte Konsens besteht jedoch darin, sich in der “Mittelschicht” einzurichten, bzw. als Fleißiger und Tüchtiger noch die eine oder andere Aufstiegsstufe in ihr erklimmen zu können.
Das ist auch das durch dieses Modell vermittelte gesellschaftliche Deutungsmuster der Verhältnisse: alle haben die gleichen Möglichkeiten und Grundvoraussetzungen, und es liegt an einem selbst, ob man „hinauf“ oder „hinunter“ kommt. Das Schichtenmodell als konservatives Modell orientiert darauf, die bestehenden Verhältnisse zu ‘verschleiern´ und zu zementieren und die kapitalistischen Verhältnisse zu konservieren.
Soziologisch gibt es noch eine Reihe von Nebenmodellen, z.B.:
– das “Zwei-Drittel-Modell”, welches die Gesellschaft wiederum anders beschreibt. Es entstand nach der Phase der „Vollbeschäftigung“, als mehr und mehr klar wurde, dass es einen wachsenden Grundstock an Arbeitslosen sowie eine wachsende Schicht verarmter Teile der Bevölkerung gibt.
Zwei Drittel der Bevölkerung ist in die Gesellschaft integriert (alle vom Arbeiter bis zum Konzernchef); ein Drittel lebt an deren Rändern. Mit anderen Worten: Ein größerer Teil der Bevölkerung partizipiert an den zentralen Werten der Gesellschaft, der andere Teil ist davon mehr oder weniger ausgeschlossen, fällt aus der Gesellschaft heraus. Über die soziale Struktur der Gesellschaft liefert dieses Modell keinen besonderen Erkenntniswert, thematisiert jedoch bestimmte Entwicklungstendenzen und stiftet eine gewisse Betroffenheit.
– der Lebensweise-Ansatz fragt (was auch auf Grundlage eines Klassen-Modells möglich ist) nach unterscheidbaren Menschengruppen anhand Gemeinsamkeiten von bestimmten Lebensweisen (zB. Stadt/Dorf, Industriearbeiter/neue Dienstleistungsbeschäftigte, Jugend/Alter, kulturelle Gemeinsamkeiten). Dieser Ansatz sucht nach unterschiedlichen Lebenslagen (bzw. kulturellen Lebensweisen) bestimmter Menschengruppen. Hier gewonnene Erkenntnisse können u.a. hilfreich für die Erklärung bestimmter politischer Phänomene sein, darüber hinaus können hier gewonnene Daten zur Entscheidungsgrundlage planender Politik dienen (z.B. Sozial‑, Verkehrs‑, Kulturpolitik,.…). Es ist jedoch wiederum nur eine Beschreibung von dem, was ist, aber nicht warum es so ist.
Es besteht auch einen marxistischen Lebensweise-Ansatz, der auf der Klassenanalyse aufbaut (z.B. Kaspar Maase).
Zusammenfassend wäre es zu eng zu meinen, dass neben der Klassenanalyse kein anderer Ansatz irgendwelche brauchbaren Erkenntnisse liefern könnte, das gilt selbst noch für das Schichtenmodell, etwa hinsichtlich der Erkenntnis über die Selbsteinschätzung vieler Menschen, Einkommensverteilungsverhältnisse u. –trends. Die eigentliche Frage ist jedoch: Mit welchem Ansatz lassen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse auf das hin begreifen was sie begründet?
Und welchen grundlegenden weltanschaulichen und politischen Charakter haben die unterschiedlichen Modelle?
4. Marxistische Klassentheorie
In der Klassenkonzeption wird die Stellung des Einzelnen nicht bestimmt durch seine konkreten Konsumtionsmöglichkeiten, sondern anhand seines Verhältnisses zu den gesellschaftlichen Produktionsmitteln und allen sich daraus ableitenden Folgen.
In der marxistischen Klassendiskussion haben sich vor allem drei Hauptstränge herausgebildet, die man formelhaft einteilen kann in eine “enge” Fassung, eine “weite” Fassung und einen “mittleren” Ansatz.
* Die “enge Fassung” der Arbeiterklasse
Sie hält zumeist am Erscheinungsbild des Proletariats aus seiner frühen Periode der Industrialisierung fest (Hackler, Blaumann, …). Danach werden zur Arbeiterklasse nur diejenigen Werktätigen gezählt, die unmittelbar körperliche arbeiten und Mehrwert schaffen.
Die Arbeiterklasse wird dabei mit dem Industrieproletariat gleichgesetzt.
Angestellte werden als eine “außerordentlich wichtige Schicht des Kleinbürgertums” betrachtet.
Begründet wurde diese Kategorisierung mit der “besonderen” Stellung der Arbeiter zu den Produktionsmitteln. Der Grad der Unterordnung unter das Kapitalverhältnis bleibt dabei unberücksichtigt genauso wie die (im Zuge der Verwissenschaftlichung der Produktion stattfindende) Erweiterung von der Produktion vor‑, neben- oder nachgelagerten Tätigkeitsbereiche. (z.B. Jürgen Kuczynski, Sozial- und Wirtschaftshistoriker, DDR)
Ebenfalls ein “enger” Ansatz („Projekt Klassenanalyse“, 70er Jahre, West-Berlin): Alle Bevölkerungsgruppen, die kein “Primäreinkommen” aus einer Tätigkeit in der unmittelbaren Produktions- und Verwertungssphäre beziehen, sondern ‘abgeleitete´ Einkommen beziehen (also abgeleitet, da der Distributionsbereich nicht unmittelbar produktiv ist, daher – ihrer Ansicht nach – aus der Revenue des produktiven Kapitals gespeist wird) werden als “Mittelklassen” zusammengefasst, daher findet sich hier in der Arbeiterklasse Hilfsarbeiter, Facharbeiter, Lehrlinge, einfache Angestellte bis hin zum betrieblichen Management in den Betrieben der materiellen Produktion. Arbeiter und Angestellte in Staatsbetrieben wie der Bahn und Post werden gemeinsam mit Sozialhilfeempfängern, Arbeitslosen, aber auch mit nichtkapitalistischen Händlern, Kleinproduzenten und den leitenden Staatsfunktionsträgern in die “Mittelklasse” eingeordnet.
Aus all diesen Ansätzen folgt natürlich auch, dass die Arbeiterklasse im Zuge der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung einem zunehmenden Schrumpfungsprozess unterworfen wäre, da die Ausweitung der Zirkulations- und Dienstleistungsbereiche ausschließlich kontinuierliches Wachstum der “Mittelschichten” bzw. “Mittelklassen” bedeuten würde.
* Die “weite Fassung” der Arbeiterklasse
Sie hält den Lohnabhängigen-Status für das entscheidende und im Wesentlichen (ausschließlich) bestimmende Kriterium. In der sozialdemokratischen Variante firmiert diese Konzeption unter dem Begriff des “Arbeitnehmers”. Dieser Terminus nicht zuletzt auch in den Gewerkschaften weit verbreitet, die ja sowohl Arbeiter, Angestellte als auch leitende Angestellte (soweit sie lohnabhängig und gewerkschaftlich organisiert sind) und hohe Funktionsträger des Staatsapparates umfasst.
Die Konsequenz eines derartigen Begriffs ist offensichtlich: “Arbeitnehmer” – und damit Teile der Arbeiterklasse – sind: sowohl der Hochofenarbeiter wie sein Betriebsingenieur, sowohl der kleine Angestellte wie sein Prokurist, sowohl die Krankenschwester wie ihr Chefarzt, sowohl der Chauffeur wie der von ihm kutschierte Manager, sowohl die Putzfrau wie der Personalchef, sowohl der kleine Schalterbeamte wie der Chef der Sicherheitsdirektion.
In der marxistischen Debatte war/ist auch dieser “weite” Arbeiterklassenbegriff verbreitet.
Nach diesem Ansatz ist die Arbeiterklasse weitgehend identisch mit der Summe aller ArbeiterInnen, Angestellten und Beamten (~ 85% und mehr). Exkludiert wurde nur die relativ kleine Gruppe der obersten Manager sowie des Offizierskorps. (Vertreter des Ansatzes: Lotar Winter, Akademie der Wissenschaften der DDR) Die Kategorie der “lohnabhängigen Mittelschichten” (und ihre Spezifik) hat in dieser Konzeption ebensowenig Platz wie diesbezüglich mögliche bündnispolitische Überlegungen.
* Der “mittlere” Ansatz einer zeitgemäßen Bestimmung der Arbeiterklasse
Dieser knüpft an die Leninsche Klassen-Definition an und ergänzt sie um das Kriterium des Entwicklungsniveaus des Warencharakters der Arbeitskraft. Als Kriterium der Abgrenzung der Arbeiterklasse zu den – sich im SMK zur massenhaften Schicht ausbildenden – “lohnabhängigen Mittelschichten” entwickelte das IMSF (Institut für Marxistische Studien und Forschung) das Kriterium der vollen Entfaltung des Warencharakters der Arbeitskraft.
Die voll entfalteten Warencharakter ausbildende Arbeitskraft verliert 1. ihre besonderen, an ihre Qualifikation gebundenen Privilegien und wird 2. (weitgehend) beliebig austausch- und ersetzbar.
Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse bestimmt sich nicht allein durch das Nichteigentum an Produktionsmitteln und der Verrichtung von Lohnarbeit, sondern die Arbeitskraft muss in vollem Umfang zur Ware entwickelt und damit dem Lohngesetz vollständig unterworfen sein.
Dieses Kriterium, in der marxistischen Terminologie bestimmbar als Übergang von der formalen zur realen Subsumtion (Unterordnung) der Arbeitskraft unter das Kapital beschreibt die volle Austauschbarkeit und absolute Ersetzbarkeit der einzelnen Träger der lebendigen Arbeit, es zielt also auf die Vollendung der Unterordnung der lebendigen Arbeit unter das Kapital als wesentliches, die Arbeiterklasse konstituierendes Merkmal ab.
Diesem Übergang von der formalen zur realen Subsumtion der Arbeitskraft (und der Arbeitsprozesse) unter das Kapital und der damit einhergehenden Unterordnung unter die Fabrikshierarchie und den technologischen Arbeitsrhythmus wurde zuerst die Fabriksarbeiterschaft unterworfen, in den letzten Jahrzehnten folgten alle Bereiche. Teilweise gibt es jedoch auch ein den letzten Jahren Gegentendenzen, wie neue Heimarbeit, kleine Selbständige etc.
Das gilt auch für breite Teile der Angestellten: In ihrer Mehrheit üben diese untergeordnete Tätigkeiten aus, unterliegen einer ständigen Kontrolle und werden in ihren Arbeitsleistungen nach industriellen Effizienzkriterien gemessen. Angestellte haben also in ihrem Anwachsen zu einer Massenschicht eine innere soziale Differenzierung erfahren und wurden in ihrem Lohnarbeiterstatuts massenhaft einer echten Proletarisierung unterworfen.
Das Anwachsen der Angestelltentätigkeit und deren massenhafter Proletarisierung ist zugleich (!) ein Indikator des – im Zuge der zunehmenden Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses – bereits von Marx in den “Grundrissen” vorausgesehenen Prozesses des zunehmenden Heraustretens des Arbeiters aus dem unmittelbaren Produktionsprozess:
“Es ist nicht mehr der Arbeiter, der modifizierten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern den Naturprozeß, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein.”
Klar ist: der Klassenbegriff ist eine theoretischer Begriff der sich weder auf das Erscheinungsbild noch auf arbeitsrechtliche Grundlagen, sondern auf das Wesen der Sache bezieht.
Daraus lässt sich nun auch die Charakteristik der “lohnabhängigen Mittelschichten”, einschließlich der “Intelligenz” entwickeln: Sie besteht darin, dass ihre Funktion im System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung – (zumeist) gebunden an besondere Qualifikationen ihrer Arbeitskraft – anders beschaffen ist. Sie üben bestimmte besondere Funktionen aus, nicht zuletzt (aufgrund ihrer Qualifikation) auch in den ideologischen wirtschaftspolitischen u.ä. Apparaten. In ihrer Arbeitskraft sind gegenüber dem Proletariat noch Privilegien eingeschlossen. Schon Marx u. Engels machten in Ansätzen auf die Existenz/Herausbildung von besonderen Leitungs- Aufsichts‑, Verwaltungs- und Spezialistenguppen in der Produktion wie auf besondere Gruppen des staatlichen Herrschaftsapparates aufmerksam.
Diese soziale Kategorie der lohnabhängigen Mittelschicht lebt vorwiegend vom Verkauf ihrer Arbeitskraft, aber deren Warencharakter ist nicht voll ausgeprägt. Die Arbeitsmärkte der lohnabhängigen Intelligenz sind segmentiert, was natürlich nicht ausschließt, dass sich auch hier das Lohngesetz über Angebot und Nachfrage wirksam macht, dass Arbeitslosigkeit auftritt usw. Aber dieser Prozess vollzieht sich auf einem gegenüber der Arbeiterklasse anderen Niveau. Es werden hier faktisch gegenüber der Arbeiterklasse modifizierte und höhere Reproduktionsbedingungen der Arbeitkraft wirksam. Ware ist also nicht gleich Ware. Denn faktisch sind die Austauschbarkeit und Reproduzierbarkeit eingeschränkt. Die “lohnabhängigen Mittelschichten” bilden somit eine eigene, nichtproletarische Schicht, deren Grenzen im wesentlich durch die Grenzen der beiden Hauptklassen bestimmt sind.
Wir haben es sowohl mit einem Anwachsen der Arbeiterklasse wie einer zunehmenden Herausbildung nichtproletarischer “lohnabhängiger Mittelschichten” zu tun, die zwischen den Klassen stehend, sich oft über ihnen stehend wähnen, aber ein nach beiden Seiten offenes, äußerste heterogenes soziales Konglomerat sind.
Das heißt: Obwohl die Grundklassen für die Klassenstruktur der Gesellschaft bestimmend sind (!), machen sie nicht die gesamte Klassenstruktur der Gesellschaft aus.
Hinsichtlich der Abgrenzung der Arbeiterklasse von den “lohnabhängigen Mittelschichten” entscheiden vom allem die Kriterien der Art der Tätigkeit, der “Funktion”: also ob diese vorwiegend anleitend oder ausführend ist. Die Ausübung kapitalistischer Leitungsfunktionen, auch auf mittlerer Ebene der betrieblichen Hierarchie, schließt daher die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse aus. Diese Leitungskader kennzeichnet eine zwiespältige Stellung, einerseits Lohnabhängige, andererseits Organisatoren, Überwacher und Eintreiber der Mehrarbeit anderer fürs Kapital zu sein.
Der Charakter der Arbeitskraft bestimmt sich nach der Frage, wofür man im System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gebraucht wird: Für die Produktion- und Reproduktion im gesellschaftlichen Wirtschaftsprozess – oder fungiert jemand in den herrschafts- und meinungsmachenden Apparaten. V.a. bei Staatsangestellten ist deren konkrete Funktion im Staatsapparat, nicht zuletzt ihre jeweilige Nähe zu den repressiven Staatsfunktionen, zu berücksichtigen.
Zur Bestimmung der herrschenden Klasse wäre noch zu bemerken: Bestimmend ist und bleibt das Eigentum an den Produktionsmitteln und die in den Produktionsverhältnissen herrschende Hierarchie. Doch aus dem Bestehen eines Herrschaftssystems, seiner Unentbehrlichkeit für die weitere Existenz und die Funktionsweise des Kapitals folgt nicht weniger zwingend:
Zu den Herrschenden gehören – als “aggregierte Gruppe”, wie Marx in ähnlichen Fällen formulierte,
all jene, die für die Funktion dieses Systems unentbehrlich sind, auch wenn sie selber noch kein Kapital besitzen (in Unternehmen, im Staatsapparat, in Parteien, …).
5. Zur heutige Struktur der Arbeiterklasse
Veränderung der letzten Jahrzehnte:

  • beständige Verallgemeinerung der Lohnarbeit, kontinuierlicher Anstieg der Zahl unselbständig Beschäftigten, wobei ausschließlich aufgrund von Anstieg im Angestelltenbereich
  • Im Jahr 1993: erstmals prozentuell wie auch in absoluten Zahlen mehr Angestellte als Arbeiter (wobei in Ö. auch aufgrund juristisch besserer Grundlagen wechseln vom Arb.- zum Ang.verhältnis)
  • jedoch auch tief greifende Veränderungen in einzelnen Bereichen
  • Prozentueller Rückgang des klassischen Industrie-/Fabriksproletariats
  • zunehmende Verschiebung zugunsten des Dienstleistungssektors
  • Auslagerungen aus dem eigentlichen Fertigungsprozess (davor, daneben, danach)
  • Zunehmende Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen (Teilzeit, freie DienstnehmerInnen, Leiharbeit, …)
  • Ab Jahr 1999: massiver Rückgang im öffentlichen Dienst, gleichzeitig noch weiterer Anstieg im Angestelltenbereich (Ausgliederungen, Privatisierungen).

Nicht alle sogenannten „Nichtlohnabhängigen“ sind außerhalb der Arbeiterklasse.
Prekäre Beschäftigung ist nur eine (arbeits- und sozialrechtlich) verschlechterte Art der klassischen Lohnarbeit. Freie DienstnehmerInnen sind in überwiegendem Ausmaß scheinselbständig, sie eine rechtlich schlechter gestellte Art der Lohnarbeit, welche vergleichbar ist mit der alten Taglöhnerei. Das neue daran ist einerseits die massiv angestiegene Zahl dieser eigentlich als normale LohnarbeiterInnen zu beschäftigten Menschen, andererseits sind dies meist individualisiert (und teilweise mit eigenen Arbeitsmitteln) Arbeitende, die dadurch schwerer solidarisierbar sind und tw. bewusstseinsmäßig Kapitalinteressen anhängen.
Genauso sind jene, die (gerade) nicht direkt in Lohnarbeit, aber davon abhängig sind, Teil der Arbeiterklasse (Arbeitslose; ReproduktionsheimarbeiterInnen, PensionistInnen, Familie, SchülerInnen, StudentInnen,…).
Zum „Argument“, die Arbeiterklasse würde nur aus den industriell Produzierenden bestehen (und sie sich damit sukzessive verkleinern) zwei Zitate:
„Es ist ja eben das Eigentümliche der kapitalistischen Produktionsweise, die verschiedenen Arbeiten, also auch die Kopf- und Handarbeiten – oder die Arbeiten, in denen die eine oder andere Seite vorwiegt‑, zu trennen und an verschiedenen Personen zu verteilen, was jedoch nicht hindert, dass das materielle Produkt das gemeinsame Produkt dieser Personen ist.“ (MEW 26.1., S387, Theorien über den Mehrwert).
„Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich daher notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten ist nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine Unterfunktion zu vollziehen“. (Das Kapital, MEW 23, S. 531)
Damit fallen auch all jene Beschäftigten im Dienstleistungssektor, der zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendig ist, unter die Arbeiterklasse.
Zu Neulinke Theorien von „neuen Subjekten“
Die Struktur und Größe der Arbeiterklasse wie auch ihres Kerns haben sich verändert. Aber die Arbeiterklasse ist infolge ihrer zahlenmäßigen Größe, ihrer Stellung im gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess derjenige Teil der Gesellschaft, der am wirksamsten der wachsenden Ausbeutung und dem Ausverkauf der sozialen Sicherungssysteme entgegentreten kann. Eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft wird weiter vor allem von der Bereitschaft der Arbeiter und Angestellten abhängen, notfalls alles stillstehen zu lassen – und die Verhältnisse umzustürzen.

Trotz aller relativierender Tendenzen, trotz der Bedeutungszunahme anderer Sektoren der Arbeitswelt bleibt die Arbeiterklasse und ihre industriellen Kernbereiche von besonderer Bedeutung. Ihr Stellenwert ergibt sich aufgrund ihrer Größe und ihrer zentralen gesellschaftlichen Funktion. Jedoch ist die Wichtigkeit anderer, nichtklassischer Kernteile der Arbeiterklasse durch die strukturellen Veränderungen des Industriesystems gewachsen, wie auch die Notwendigkeit von Allianzen, Bündnissen und Zusammenschlüssen mit Rand- und Mittelschichten, die ebenfalls an der Mehrwertproduktion bzw. an deren Realisierung ihren Anteil haben.
“Obwohl die politische Programmatik vieler »neuer sozialer Bewegungen« auf den ersten Blick vielleicht umfassender wirkt (globale Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, ökologische Überlebensperspektiven, Solidarität), besitzen sie dennoch keinen solch zentralen Bezugspunkt der Auseinandersetzung, durch den die Hegemonialansprüche des Kapitals automatisch in Frage gestellt würden. Erst ein Widerstand in den zentralen gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsbereichen kann diesbezüglich volle Wirkungskraft entfalten.
Weil der Kampf um die unmittelbaren (betrieblichen) Interessen – wenn er mit der notwendigen Intensität geführt wird! – eine wirksame Möglichkeit des kollektiven Lernens ist, besitzen die in den Großbetrieben tätigen Lohnabhängigen trotz aller Aufsplitterungstendenzen immer noch die besten Voraussetzungen, sich als fundamentale Veränderungskraft zu formieren. Deshalb kann weiterhin davon ausgegangen werden, daß die Arbeiterklasse im Sinne von Marx das Negationsprinzip der bürgerlichen Gesellschaft darstellt, sie die entscheidende Kraft im Kampf gegen das Kapital und für den Sozialismus ist. (W. Seppmann: Kraft des Widerstands. Auf der Suche nach dem Subjekt der Veränderung, Teil II. Junge Welt, 7.3. 2009)

Selma Schacht