“Ein irres Doppelleben” – Lucas Zeise als Vortragender am Symposium der PdA

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Mit Lucas Zeise referiert eine schillernde Figur der deutschen Wirtschaftspublizistik und ein exzellenter marxistischer Analytiker der Weltwirtschaftskrise am Symposium der PdA am 26.10.
“Das irre Doppelleben des Lucas Zeise” titelte die in Salzburg erscheinende- Fachzeitschrift “Wirtschaftsjournalist” im Jahr 2014: “Er war mehr als 20 Jahre lang Finanzjournalist. Er war Ressortleiter bei ‚FTD’ und ‚Börsenzeitung’. Dabei ist er seit mehr als 40 Jahren Kommunist und . . Mitglied der DKP.” Seit ein paar Monaten ist Lucas Zeise Chafredakteur der UZ, der Wochenzeitung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), außerdem ist er Autor zahlreicher Bücher über die Finanzkrise und andere Themen des kapitalistischen Wirtschaftssystems.
Wie das zusammengehen soll, wollte der Chefredakteur Markus Wiegand in einem Gespräch ganz persönlich aus Lucas Zeise herauskitzeln: “Das verstehe ich nicht. Sie lehnen doch das System ab.” “Hat Sie das nicht belastet während der Arbeit?” “Haben Sie nicht selbst manchmal eine innere Zerrissenheit gespürt?” “Konnten Sie sich eine eigene Meinung leisten?” “Hat es Sie nie gestört, dass Sie den Profiteuren des Systems zugearbeitet und damit das System unterstützt haben?” … Lucas Zeise: “Wenn Sie arbeiten, egal wo, tun Sie das immer. Das hat mich nie gestört.” Und natürlich habe er seine ethischen Maßstäbe und Beurteilungen als Kommunist beim Börsenblatt und der FTD nicht einbringen können.
Lucas Zeise: “Aber es geht in der Finanzberichterstattung ja nicht um Ethik.” Chefredakteur Wiegand hakt nach: “Aber für Sie doch.” Lucas Zeise: “Aber zunächst mal kommt das Verstehen. Das hat doch gar nichts damit zl.;l tun, dass ich das System ablehne und als dem Tod geweiht betrachte. Wichtig war mir und ist mir bis heute, dass Richtiges oder die Wahrheit in der Zeitung steht. Das ist ja nicht selbstverständlich. Außerdem müssen sich ja die Unternehmer und Manager auch darüber verständigen, wie der deutsche Kapitalismus sich weiter entwickeln sollte, welche Wirtschaftspolitik man anstrebte. Das ist für die Wirtschaftslenker eine intellektuelle Herausforderung, an der sie sich ständig abarbeiten. Daran teilzuhaben und darüber zu schreiben, wie sich das Herrschaftssystem entwickelt und funktioniert, ist intellektuell ein höchst befriedigendes Erlebnis:’ Wieder Wiegand: “Das heißt, Sie wollten das System zum Besseren verändern?” Lucas Zeise: “Natürlich.” Und nochmal Wiegand: “Das ist dann aber die Politik der ganz kleinen Schritte. Dabei pflegt die DKP ja bis heute die Rhetorik der Revolution:’ Lucas Zeise: “Ich habe mir nicht vorgestellt, bei der Börsenzeitung oder der FTD die Revolution voranzutreiben. Das ist etwas ganz anderes. Aber ich habe das System durch meine Arbeit viel besser verstanden. Und deshalb war ich meiner Meinung nach in der Lage, aufklärerische Artikel zu schreiben.” Soweit ein kleiner Ausschnitt aus dem Gespräch. Wer wegen des reißerischen Titels eine wirkliche Enthüllungsstory im “Wirtschaftsjournalist” erwartet hatte, sieht sich enttäuscht. Das gibt die Vita von Lucas Zeise so wenig her, wie das Gespräch mit ihm. Aber als Porträt eines nun schon 70-Jährigen, ganz normalen kommunistischen Intellektuellen, der trotz Widrigkeiten auf ein erfülltes Berufsleben zurückblickt, ist diese Titelstory charmant.
Wobei: Eine einzige Enthüllung enthält die Story doch. “Früher habe ich in den Marxistischen Blättern unter Pseudonym geschrieben’~gesteht Lucas Zeise beiläufig. Und das über Jahrzehnte! Sozusagen nebenberuflich. Mit seinen “aufklärerischen Artikeln” wandte er sich also nicht erst als Rentner an jene, die die Welt erkennen und verändern wollen. Insofern hatte sein mutiges,kluges, listiges “Doppelleben” als um Wahrheit bemühter Journalist einen nachhaltigen Doppelnutzen. Wer also gerätselt hat, warum Margit Antesberger und Manfred Szameitat nicht mehr für die Marxistischen Blätter schreiben, seit Lucas Zeise im Impressum steht, ist jetzt auch in dieser Frage aufgeklärt. Nachsatz: “Wirtschaftsjournalisten lesen keine Marxistischen Blätter”, sagt Lucas Zeise im “Wirtschaftsjournalist”. Dem werten Kollegen Markus Wiegand – aber nicht nur ihm allein sei darum an dieser Stelle Bert Brechts Text “Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit” empfoWen. Vielleicht lindert das Irritationen, wenn ihm demnächst mal ein anderer Kommunist- auch in Österreich- den Weg kreuzt, der sein Handwerk und den Kapitalismus versteht und selbst unter widrigen Bedingungen keineswegs irre wird.
Text: Lothar Geisler (gekürzt aus www​.unsere​-zeit​.de)