Die ergründbaren Wege des Opportunismus

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Ein Einfallstor des Opportunismus besteht in der Neigung, die eigene Wirksamkeit an unmittelbaren, oberflächlichen Wirkungen zu messen. Der kommunistischen Bewegung muss es jedoch um den geduldigen Kampf für die Durchsetzung der Klasseninteressen der Arbeiterklasse gehen, der Form nach abgeleitet von den Erfordernissen einer revolutionären Strategie. Wer das Ziel aus den Augen verliert, wird früher oder später in die falsche Richtung gehen. Aufgabe des vorliegenden Artikels ist es, anhand konkreter und aktueller Beispiele dieses und weitere Einfallstore des Opportunismus zu erörtern.
In seinem Referat beim Karl-Marx-Kongress der KPÖ Steiermark[1] kritisiert der Grazer Stadtrat Robert Krotzer die „ultralinken Kräfte“ dafür, dass sie keine wirkungsvolle politische Praxis anzubieten hätten. Unter „ultralinken Kräften“ versteht er dabei all jene, die die KPÖ Steiermark für eine „Kümmerer- und Caritas-Partei“ halten. Das bedeutet: Jeder mit einem realistischen Blick auf die KPÖ Steiermark muss sich von seiner Kritik angesprochen fühlen, ist laut Krotzer also „ultralinks“ und verfügt über keine politische Wirksamkeit.
Es ist schon bemerkenswert: Ausgerechnet der Anführer der steirischen Hinterzimmer-Revolutionäre, die immer nur dann zu angeblichen „Revolutionären“ und „Marxisten-Leninisten“ werden, wenn sie mit Revolutionären und Marxisten-Leninisten sprechen, und die sich ansonsten gänzlich sozialdemokratischer Reformpolitik, karitativem Gönnertum und hohlen Phrasen widmen – ausgerechnet Robert Krotzer wirft uns also vor, politisch unwirksam zu sein!
Klar, Wirksamkeit ist immer gerichtet, man kann in die eine oder in die andere Richtung wirksam sein. Und ganz recht: In die „steirische Richtung“ ist die PdA tatsächlich völlig unwirksam – nämlich genauso unwirksam wie es die KPÖ Steiermark in Richtung Revolution ist.
 

Zum Charakter der KPÖ Steiermark

Unabhängig davon, ob man die Wortwahl „Kümmerer- und Caritas-Partei“ verwenden möchte, kann man jedenfalls feststellen, dass ihre Politik Illusionen verbreitet, anstatt über die Unreformierbarkeit des Kapitalismus aufzuklären. So wurde schon in der erste Ausgabe der „Einheit und Widerspruch“ formuliert: „Zu sehr übt sie sich in Stellvertretungspolitik und gewöhnt jene Teile der Bevölkerung, die sie erreicht, an den Gedanken, jemand würde sich schon um sie kümmern, zu sehr fokussiert sie sich auf innerkapitalistische Reformpolitik und Vergabe von Almosen – anstatt danach zu streben, jede sich auch nur ansatzweise bietende Möglichkeit bestmöglich dazu zu nützen, über den unversöhnlichen Widerspruch zwischen den Interessen der ArbeiterInnen und dem kapitalistischen System aufzuklären, in der Bevölkerung revolutionäres Feuer zu entfachen, sie zum eigenständigen, gemeinsamen Kampf zu mobilisieren und den Erfolg der eigenen Politik am Grad der Verbreitung von Klassenbewusstsein zu messen.“[2]
Einen realistischen Blick auf die KPÖ Steiermark zu haben, das bedeutet mit den Worten von Otto Bruckner: „So wie die KPÖ-Steiermark auf der einen Seite eine respektable reformistische Sozialpolitik vertritt, ist sie zugleich nichts anderes als eine Landesorganisation der KPÖ, die insgesamt für politische Beliebigkeit, für die Aufgabe der revolutionären Traditionen der KPÖ und für eine antikommunistische und reaktionäre Geschichtsauffassung steht, die den Marxismus-Leninismus, der mehr als sieben Jahrzehnte das ideologische Rückgrat der Partei war, denunziert und verunglimpft, und das durchaus auch mit Beteiligung maßgeblicher Kräfte der steirischen KP.“[3] „In dieser KPÖ gelten die steirischen KommunistInnen als Ausnahmeerscheinung, weil sie auf Privilegien verzichten und mit ihren Mandaten in Landtag und Gemeinderäten den Armen helfen. So löblich das ist, ist es auch nichts anderes, als etwa Caritas, Volkshilfe oder Heilsarmee machen.“[4]
Einen realistischen Blick auf die KPÖ Steiermark zu haben, das bedeutet mit den Worten von Tibor Zenker: „Sie tendiert zur reinen Wahlorientierung, der alles, auch grundsätzliche Prinzipien, untergeordnet werden, sie setzt auf die Beteiligung an der kapitalistischen Armutsverwaltung und auf ihre eigene Almosenpolitik. All’ dies sind Dinge, die der klassischen Sozialdemokratie entsprechen. […] Kurz gesagt: Von der KPÖ Steiermark kann man sich keinen Beitrag zur Herausbildung einer marxistisch-leninistischen, revolutionären Partei der Arbeiterklasse erwarten.“[5]
 

Zweierlei Formen von Wirksamkeit

Wir haben also gesehen, dass die politische Wirksamkeit von PdA und KPÖ Steiermark in zwei konträre Richtungen verläuft und beide Parteien in die Richtung der jeweils anderen gar nicht wirksam sein wollen. Aber Krotzer geht noch weiter, er erdreistet sich, uns „Ultralinken“ zu unterstellen, wir hätten nicht nur die falsche, sondern gar keine politische Wirksamkeit. Krotzer kennt die Verhältnisse außerhalb der Steiermark besser, als dass er sich auf bloße Unwissenheit, die ihm ein Urteil freilich gar nicht erst erlauben würde, hinausreden könnte. Nein, nicht Ahnungslosigkeit steckt hinter seiner Behauptung, sondern sein rein bürgerliches Verständnis von politischer Wirksamkeit.
Die Partei der Arbeit organisiert in mehreren österreichischen Bundesländern (zugegeben, die Steiermark gehört noch nicht dazu) regelmäßig Flugblattaktionen, Infotische, Veranstaltungen, Protestaktionen, sie organisiert die marxistisch-leninistische Diskussion, Forschung und Schulung, sie organisiert sich selbst als kommunistische Partei. Sie tut das und noch mehr mit minimalen Mitteln und unter schweren Umständen; die objektiven Bedingungen sind andere als etwa für die KPÖ Steiermark. Otto Bruckner hat all das in seinem Artikel zum fünften Jahrestag der Gründung der PdA sehr gut ausgeführt[6].
An all dieser politischen Arbeit unter schweren Bedingungen sind auch sehr viele Genossinnen und Genossen beteiligt, die eindeutig unter Krotzers eingangs erwähntes Kriterium für „ultralinks“ fallen. Wie kann das aber sein? Das passt tatsächlich nur dann zusammen, wenn man davon ausgeht, dass kommunistische Aufklärungsarbeit, kommunistische Organisationsarbeit, kommunistische Theoriearbeit, dass all das für Krotzer gar nicht unter politische Wirksamkeit fällt. Sein Kriterium für politische Wirksamkeit ist ein anderes, es ist dasselbe wie für alle Sozialdemokraten und „Dutzendliberalen“: Kriterium für politische Wirksamkeit ist die Teilhabe am Staatsapparat. Er und die KPÖ Steiermark setzen, wie Tibor Zenker oben bereits zitiert wurde, „auf die Beteiligung an der kapitalistischen Armutsverwaltung und auf ihre eigene Almosenpolitik“[7].
Nun ist die Teilhabe an der Verwaltung des Kapitalismus seitens der PdA nicht nur nicht gewollt, sondern stünde derzeit auch sowieso außerhalb des Möglichen. Was also gäbe es zu unserer aktuellen politischen Praxis dann noch für eine Alternative? Tatsächlich: Anstatt sich die undankbaren Mühen des revolutionären Kampfes anzutun, könnte man seine Zeit und Energie natürlich auch dafür verwenden, „Menschen, denen es nicht so gut geht“ (wie es der langjährige ehemalige Vorsitzende der KPÖ Steiermark Franz Stephan Parteder gerne formuliert) unmittelbare Hilfeleistungen bereitzustellen. Und siehe da: Man würde viel mehr Anerkennung und Dankbarkeit dafür erfahren und gleichzeitig in viel weniger Probleme mit der bürgerlichen Gesellschaft geraten.
Wer aber der Ansicht ist, das wäre die wirksamere Politik, der kann auch nicht Marx‘ Einschätzung über sein Hauptwerk teilen: „Es ist sicher das furchtbarste Missile, das den Bürgern (Grundeigentümer eingeschlossen) noch an den Kopf geschleudert worden ist“[8]. Alles verschwendete Zeit, Herr Marx – raus aus der Studierstube, rein in die Suppenküche!? Nun, Herr Krotzer würde aber freilich nicht wagen, die Abfassung des Marxschen „Kapitals“ als politisch unwirksam zu bezeichnen. Zu sehr stützt sich seine Macht noch auf die Zustimmung von Leuten, die mit Marx etwas Positives verbinden. Übrig bleibt also die Haltung, es sei so manch „großen Männern“ vorbehalten, Theorien zu entwickeln, während alle anderen sie höchstens rezipieren und sich ansonsten politischer Handwerkelei hingeben sollen. Denn dass es Krotzer als politisch unwirksam verwirft, wenn eine Partei nicht nur kleinliche Reformpolitik betreiben will, sondern sich kollektiv daran macht, die Revolution vorzubereiten und auch die dafür erforderliche Wissenschaft kollektiv zu organisieren, haben wir bereits gesehen. Wenn er dann in seinem Referat ausgerechnet kleinbürgerliche „große Männer“ wie Slavoj Zizek, Didier Eribon und Robert Pfaller in einem positiven Licht ins Spiel bringt, so ist das zwar bezeichnend, sollte inzwischen aber niemanden mehr überraschen.
Was Krotzer zur Vollendung gebracht hat, bringen viele ansatzweise mit, die frisch an die kommunistische Bewegung geraten. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die Medien, die bürgerlichen Bildungsanstalten sowie auch die meisten Elternhäuser vermitteln einem ein politisches Verständnis, dessen Wahrheitskriterium die Wählerquote ist und dessen zeitlicher Horizont bestenfalls bis zu den nächsten bürgerlich-demokratische Wahlen reicht. Darauf bauen die Illusionen auf, wonach man sein Urteil über die politische Praxis anhand deren oberflächlicher Wirksamkeit zu fällen habe. Aber diese Illusion muss gebrochen werden, und zwar indem man jegliche Illusionen in die Reformierbarkeit des Kapitalismus bricht. Damit steht in Verbindung, zu lernen, dass sich die kommunistische politische Praxis an den auf Basis der wissenschaftlichen Weltanschauung abgeleiteten strategischen Notwendigkeiten orientiert und eben nicht an oberflächlichen Kriterien.
Im Vergleich zur opportunistischen, bloß oberflächlichen Wirksamkeit ist unsere wissenschaftlich begründete politische Wirksamkeit in Wahrheit die wesentlich wirklichere, weil wirksamere Wirksamkeit. Denn sie orientiert sich nicht an vorübergehenden Erscheinungen, sondern an den wesentlichen historischen Gesetzmäßigkeiten und Notwendigkeiten. Sie mag momentan scheinbar nur unter der Oberfläche wirksam sein, wird diese schließlich aber zum Durchbrechen bringen. Die KPÖ Steiermark gibt den Armen Brot und wieder Brot. Wir hingegen sorgen dafür, dass solche Almosen nicht mehr nötig sein und die Bäckereien der Gesellschaft gehören werden. Welchen der beiden Wege wird man letztlich wohl als wirksamer betrachten müssen? Es erübrigt sich, diese Frage explizit zu beantworten. Die KPÖ Steiermark legt dem wirksameren, revolutionären Ansatz allerdings Steine in den Weg, indem sie in der Bevölkerung die Illusion verbreitet, eine sozialistische Revolution wäre überflüssig.
Über das Verhältnis zwischen Reform und Revolution oder zwischen Strategie und Taktik, sowie auch zu anderen Fragen vernimmt man von Opportunisten immer wieder die Phraseologie „man muss das dialektisch betrachten“. Solche Phrasen sind vollkommen hohl, hinter ihnen stecken ausschließlich völlig vulgäre und unbrauchbare Formen einer Dialektik der „goldenen Mitte“, einer Dialektik des „beide Seiten irgendwie zusammenmischens“, einer Dialektik des „hiervon ein bisschen und davon ein bisschen“, einer Dialektik des „ich verwende das Wort Dialektik und habe daher Recht“. Opportunisten betreiben nun einmal generell nur wiederkehrende Formen der Vulgärdialektik, sofern sie die Dialektik nicht konsequenterweise ohnedies verwerfen. Dialektik bedeutet, wie Lenin betont hat[9], konkret zu sein und Dinge beim Namen zu nennen. Aber das fürchten die Opportunisten wie der Teufel das Weihwasser, denn die wirkliche Dialektik entlarvt jede Doppelzüngigkeit und Heuchelei.
 

„Ach wie gut, dass niemand weiß“

Nun mag der Renegat Robert Krotzer womöglich der Auffassung sein, die heutige KPÖ Steiermark hätte revolutionäres Potential. Falls dem nicht so ist und er die Einschätzung von Tibor Zenker – „Von der KPÖ Steiermark kann man sich keinen Beitrag zur Herausbildung einer marxistisch-leninistischen, revolutionären Partei der Arbeiterklasse erwarten“[10] – teilt, so wäre das erfreulich. Er wäre dann zumindest ein ehrlicher Renegat, ein Verräter des Marxismus-Leninismus zwar, aber einer, der wenigstens dazu steht. Aber falls Krotzer doch der Meinung ist, die heutige KPÖ Steiermark hätte revolutionäres Potential, dann gibt es aus rein formallogischer Sicht zwei Möglichkeit: Entweder er hat Recht damit oder er hat Unrecht. Nehmen wir für einen phantasievollen Augenblick an, er hätte Recht damit. Dann ergäbe sich die paradoxe Situation: Gerade wenn die heutige KPÖ Steiermark tatsächlich revolutionäre Ansichten verträte, dürfte man ihr nicht vertrauen. Denn das würde bedeuten, dass sie völlig unauthentisch auftritt, uns allen nur etwas vorgaukelt und die Arbeiterklasse lang und breit an der Nase herumführt. Dann hätte die KPÖ Steiermark eine weitere kreative Form der „Dialektik“ erfunden, nämlich die äußerst trickreiche Dialektik des „überzeugen wir die Menschen von der Revolution, indem wir ihnen vorgaukeln, dass gar keine Revolution erforderlich sei“ oder des „überzeugen wir die Menschen von der Revolution, indem wir mit allgemeinen, vagen Phrasen um den heißen Brei herumreden“. Aber gut, es sei zugestanden: Die Revolution ist wohl tatsächlich ein zu heißer Brei für die KPÖ Steiermark.
Doch verlassen wir diese widersinnigen Hirngespinste lieber wieder, bevor noch jemandem schwindlig wird. Eine formallogische Möglichkeit kann offensichtlich zugleich eine wirkliche Unmöglichkeit sein. Die Vorstellung, in den tiefsten Winkeln der Grazer Lagergasse wäre insgeheim ein revolutionärer Anspruch zu finden, ist in etwa so absurd wie die Hoffnung jener Hoffnungslosen, die meinen, die gegenwärtige Politik der KP Chinas wäre kommunistisch.
Nein, natürlich geht es nicht darum, möglichst oft das Wort Revolution zu verwenden. Und wenn diesem Aufsatz vorgeworfen werden sollte, er würde einen gegenteiligen Eindruck vermitteln, so sei darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung revolutionärer von opportunistischer Politik nun einmal genau das Thema hier ist und daher nicht weiter verwunderlich sein sollte, dass diese Wörter auch immer wieder verwendet werden müssen. Aber auch sonst misst sich revolutionäre Politik nicht an der Häufigkeit der Verwendung des Wortes Revolution, sondern daran, ob die Politik dazu beiträgt, die Menschen zur Revolution hinzuführen. Bei der KPÖ Steiermark findet sich nichts dergleichen. Gelegentliche Andeutungen bleiben so vage, dass sie letztlich untergehen.
Es bleibe an dieser Stelle wirklich allen unbenommen, ihrer Lust auf Lock- und Versteckspielchen in ihrem Privatleben zu frönen. In ernsthafter kommunistischer Politik haben sie aber nichts zu suchen. Denn hier geht es um das, was Rosa Luxemburg unter Bezugnahme auf Ferdinand Lassalle meinte: Laut zu sagen, was ist, ist und bleibt die revolutionärste Tat.
Wesentliche Aufgabe der Revolutionäre ist es laut Lenin, die Revolution zu propagieren: „Wieder zur Revolution ‚streben‘, unermüdlich auch in der veränderten Situation daran arbeiten, die Revolution zu propagieren, die Kräfte der Arbeiterklasse zur Revolution vorzubereiten – eben darin besteht das Hauptverbrechen der SDAPR, eben darin liegt die Schuld des revolutionären Proletariats vom Standpunkt der Reformisten. Es hat keinen Zweck, ‚dorthin zu streben, wo man schon einmal geschlagen worden ist‘ – das ist die Weisheit von Renegaten und Leuten, die nach jeder Niederlage den Mut verlieren.“ [11] Angesichts der prinzipiellen Ablehnung revolutionärer Propaganda seitens der KPÖ Steiermark sowie angesichts der antikommunistischen Geschichtsschreibung, wie sie vonseiten der KPÖ Steiermark betrieben wird, könnte Lenin mit seinen Worten genauso gut die Differenz zwischen PdA und KPÖ Steiermark im Blick haben.
 

Vertrauensfragen

Das letzte Einfallstor des Opportunismus, mit dem wir uns hier befassen wollen, ist die Neigung, Vertrauen und Einheit im politischen Kampf geringzuschätzen, indem man sie für selbstverständlich erachtet, anstatt um sie zu ringen.
Die Älteren in der heutigen KJÖ sowie die in den letzten Jahren Ausgeschiedenen wissen noch, dass weite Teile der KJÖ vor zehn Jahren dachten, es gehe jetzt darum, die Annäherung zwischen der KPÖ Steiermark sowie der Kommunistischen Initiative (in deren Tradition die PdA steht) zu forcieren. Jahrelang war dies die leitende Position in der KJÖ zur „Parteifrage“. Jahrelang wurde Sitzung um Sitzung darüber diskutiert, ohne dass tatsächliche Schritte einer solchen Annäherung passiert wären.
Jahrelang gab es aber auch immer wieder kritische, fragende und warnende Stimmen, die infrage stellten, ob eine solche Annäherung überhaupt eine reale Grundlage hätte und die davor warnten, dass es früher oder später negative Konsequenzen für die KJÖ mit sich bringen könnte, wenn sie an ihrer Doppelorientierung an zwei Mutterorganisationen festhält. Solcherart Zwischenrufe wurden allerdings immer wieder ins Lächerliche gezogen und abgewürgt. Ebenso wurde mit allen Mitteln versucht, zu verhindern, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen KI und KPÖ innerhalb der KJÖ ändert – etwa durch „Umfärbung“ von KJÖ-Gruppen. Gegen massive Widerstände seitens der KJÖ-Spitze gelang es letztlich aber dennoch, zuerst Salzburg und später auch Tirol von KPÖ-Orientierung auf KI-Orientierung umzufärben.
Es war von Anfang an eine Illusion, zu glauben, eine Organisation, die sich nicht einmal als marxistisch-leninistisch verstand (übrigens kritisierte anfangs sogar Robert Krotzer genau die Dinge an der KPÖ Steiermark, die er heute selbst praktiziert: reformistisch-karitative Stellvertretungspolitik) und aufgrund ihrer Verfasstheit auch kein Interesse daran haben konnte, das zu ändern, würde sich einer marxistisch-leninistischen Organisation annähern – geschweige denn, wenn das einzige Mittel das vermeintliche diplomatische Geschick der KJÖ-Spitze ist. Nein, nicht die Hinweise derer, die sich schon damals bemüht hatten, die Dinge ein wenig klarer zu sehen, waren schuld daran, dass es zu keiner Annäherung gekommen ist. Sondern es ist zu keiner Annäherung zwischen KPÖ Steiermark und KI gekommen, weil es keinerlei reale Grundlage dafür gab. Wenn aber damals gegen die Möglichkeit der Quadratur des Kreises argumentiert wurde, dann hat die KJÖ-Spitze diese Argumente beiseite gewischt und damit verhindert, dass die marxistisch-leninistischen Kräfte bereits früher eine realistischere Politik eingeschlagen konnten.
Der langjährige KJÖ-Bundesvorsitzende Robert Krotzer war die Speerspitze dieser doppelgleisigen Politik, die die KJÖ fast zerrieben hätte. An seiner Seite sind dabei vor allem Hanno Wisiak und David Lang zu nennen, Wisiak als erster Ideengeber und Einpeitscher dieser Politik in der KJÖ, Lang als rechte Hand und gescheiterter Epigon Krotzers. Sie haben den Marxisten-Leninisten in ganz Österreich jahrelang etwas vorgegaukelt (und falls sie anfangs selbst noch als Marxisten-Leninisten gezählt werden konnten, dann haben sie eben auch sich selbst etwas vorgegaukelt). Insbesondere für Krotzer, der sich als KJÖ-Vorsitzender als über den Parteien schwebend sah, war diese Politik allerdings das ideale Trittbrett für seine persönliche Politkarriere, weshalb er sie besonders vehement verteidigte.
Neben karrieristischen Interessen war die zweite Hauptstütze dieser Politik vor allem die Naivität vieler Genossinnen und Genossen, die hofften, die Kräfte, die als kommunistisch bezeichnet wurden, wären es tatsächlich und würden sodann auch zusammenfinden. Stets war von der Perspektive einer österreichweit einheitlichen marxistisch-leninistischen Partei die Rede.
Lenin schrieb über die Einheit: „Die Einheit ist eine große Sache und eine große Losung! Doch die Arbeitersache braucht die Einheit unter den Marxisten, nicht aber die Einheit der Marxisten mit den Gegnern und Verfälschern des Marxismus. Und wir müssen jeden, der von der Einheit spricht, fragen: Einheit mit wem? Mit den Liquidatoren? Dann haben wir nichts miteinander zu schaffen. […] Kein Liebäugeln mit den Liquidatoren, keine diplomatischen Verhandlungen mit den Zirkeln derer, die die Gesamtheit zerstören – alle Kräfte für den Zusammenschluss der marxistischen Arbeiter auf dem Boden der marxistischen Losungen, auf dem Boden der marxistischen Gesamtheit.“[12]
Robert Krotzer und Konsorten haben mit den Liquidatoren allerdings nicht nur geliebäugelt und diplomatische Verhandlungen aufgenommen, sondern sich in ihr Bettchen gelegt und sich an ihren Futtertrog gemacht. Ursprünglich wollten sie – so zumindest die Version, die sie den Marxisten-Leninisten erzählten – die Liquidatoren schwächen, indem sie sich ihnen anschließen und dann still und heimlich ihren Einfluss untergraben wollten. Aber dann waren sie schon dort und nachdem sich keinerlei Erfolge in die ursprünglich angedachte Richtung abzeichneten und nachdem es dort außerdem ohnehin sehr gemütlich war, dachten sie… sie müssten wohl noch ein wenig länger dort bleiben, sich noch ein wenig mehr an die Liquidatoren anpassen und ihnen dann noch stiller und noch heimlicher ihren Einfluss untergraben. So ging es weiter, immer mehr passten sie sich an die Liquidatoren an und ihre Untergrabungsversuche wurden so still und heimlich, dass niemand sie mehr wahrnehmen konnte, bis schließlich insgesamt kein Unterschied mehr merkbar war zwischen ihnen und den Liquidatoren. Was für eine Überraschung! Nein, die einzige Überraschung, die es in dieser Entwicklung tatsächlich gab, war die Überraschung der Renegaten, dass ihnen die Marxisten-Leninisten immer weniger vertrauten.
Wechselseitiges Vertrauen ist für eine revolutionäre Bewegung essenziell, aber es muss natürlich gerechtfertigt sein. Vertrauen kann keine metaphysische Instanz sein, die man Leuten gegenüber einfach hat und dann eben auch weiterhin haben soll. Sondern um das Vertrauen muss auch gerungen werden. Man soll nicht zu Unrecht vertrauen und umgekehrt soll man auch nichts tun, was das Vertrauen, das Genossen in einen haben, schmälern könnte. Man hätte wohl gar nicht erst zulassen dürfen, dass Krotzer und Konsorten sich mit den Liquidatoren auf ein Packerl schlagen – oder ihnen bei Zuwiderhandeln sofort das Vertrauen entziehen müssen. Daraus lernen wir für unsere zukünftigen Kämpfe.
 

Fazit

In diesem Aufsatz wurden anhand konkreter und aktueller Beispiele drei Einfallstore des Opportunismus aufgezeigt:

  1. Unkonzentriertheit: Die Neigung, die eigene Wirksamkeit an unmittelbaren, oberflächlichen Ergebnissen zu messen und die langfristigen, strategischen Eckpunkte aus den Augen zu verlieren.
  2. Vertrauensseligkeit/Naivität: Die Neigung, das wechselseitige Vertrauen innerhalb dessen, was man für die kommunistische Bewegung hält, für selbstverständlich zu erachten. Die Geringschätzung der kommunistischen Einheit und der Unwille, für sie zu kämpfen.
  3. Feigheit/Verspieltheit: Die Neigung, Menschen erst in die Nähe locken zu wollen und die eigene revolutionäre Einstellung zunächst einmal (oder dann doch für immer) zu verstecken. Aus mangelnder Ernsthaftigkeit hinter den kommunistischen Überzeugungen und/oder schlicht und einfach aus Feigheit.

Alle drei dieser Neigungen sind in mehr oder weniger starker Ausprägung bei allen Neuzugängen der kommunistischen Bewegung zu finden, denn sie gehören zur ideologischen Widerspiegelung der kapitalistischen Gesellschaft, wie sie uns von der bürgerlichen Propaganda mit auf den Weg gegeben wird. Die marxistisch-leninistische Schulung, vor allem aber die marxistisch-leninistische politische Praxis und Erfahrung kann diese Neigungen eindämmen, und es ist unser aller Aufgabe, ihnen bewusst entgegenzutreten. Die Geschichte der kommunistischen Bewegung weiß ein Lied davon zu singen, dass selbst die erfahrensten Marxisten-Leninisten nicht davor gefeit sind, in schwierigen Situationen diese und andere problematische Neigungen wieder stärker zu entwickeln, mitunter so stark, dass sie überhandnehmen. Das bedeutet, die stete Wachsamkeit aller Genossinnen und Genossen ist erforderlich.
Diese Auseinandersetzung mit opportunistischen Grundhaltungen soll dazu beitragen, uns für die Zukunft sensibler zu machen, um opportunistischen Tendenzen früher und wirkungsvoller entgegentreten zu können. Denn je besser uns das gelingt, desto mehr Zeit, Energie und Konzentration bleibt uns für unsere „dringendste Arbeit: den Zusammenschluss der Arbeiter zu großen, starken, gut funktionierenden Organisationen, die imstande sind, unter allen Bedingungen gut zu funktionieren, vom Geist des Klassenkampfes durchdrungen sind, klar ihre Ziele erkennen und in wahrhaft marxistischer Weltanschauung erzogen werden.“[13]
Einige Lehren aus dem und für den Kampf gegen den Opportunismus sind also:

  1. Den wissenschaftlichen Kommunismus hochhalten. Wir müssen den Blick für das Wesentliche schärfen, um uns in unserer politischen Praxis darauf konzentrieren zu können und dadurch unsere Effizienz zu steigern. Wenn in unserer Partei Mängel darin existieren, Wesen und Erscheinung voneinander unterscheiden zu können, so basiert das auch auf einem Mangel an marxistischer Grundlagenschulung und – was in diesem Zusammenhang leider allzu oft unerwähnt bleibt – Grundlagenforschung. Die Partei der Arbeit verfolgt den wissenschaftlichen Kommunismus und Aufgabe der Wissenschaft ist es laut Karl Marx gerade, das Wesen hinter den Erscheinungen freizulegen: „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“[14]
  2. Vertrauenswürdigkeit als stete Aufgabe. Es ist unsere ständige Verpflichtung, sich bestmöglich zu einem Kommunisten, einer Kommunistin zu entwickeln, dem/der die Genossinnen und Genossen vertrauen können. Nicht Vertrauen in andere ist unsere Bringschuld, sondern die eigene Vertrauenswürdigkeit. Wenn eine Handlung, von der man sich irgendetwas erhofft – und sei es auch politischen Nutzen für die PdA – zu Misstrauen innerhalb der Partei beitragen könnte, ist sie in aller Regel zu unterlassen. Für eine effiziente Kampfpartei ist das wechselseitige Vertrauen der Mitglieder von grundlegender Bedeutung. Die PdA muss sich zu einer Allwetterpartei entwickeln, die zum Beispiel auch im Falle einer Illegalisierung sofort weiterkämpfen kann. Zu alldem gehört ganz zentral auch die Befolgung des russischen Sprichworts, auf das Lenin immer wieder verwiesen hat: Vertraue, aber prüfe nach!
  3. Stolzes, offenes und offensives revolutionäres Auftreten nach außen. Es braucht keine feigen Kellerkommunisten oder Hinterstübchen-Revolutionärinnen und ‑Revolutionäre wie in der Steiermark, die sich nur denen gegenüber revolutionär geben, die ihnen das ohnehin gerne glauben würden. Sondern es braucht eine kommunistische Partei, die stolz, offen und offensiv für die revolutionären Überzeugungen ein- und auftritt. Ohnehin ist jeglicher Kleinmut unsererseits nicht nur schädlich, sondern auch völlig unangebracht: Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte, wir verhelfen der historischen Notwendigkeit zum Durchbruch und führen die Arbeiterklasse in ihrer Mission an. Dieses Jahrhundert wird neue und große sozialistische Revolutionen erleben, und wir gehören zu ihren Geburtshelfern.


Von Dominik Maier