E&W #8: Lenin 1870 – 1924 Betrachtungen zum 150. Geburtstag Wladimir Iljitsch Uljanows

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Dieser Beitrag erschien in der 8. Ausgabe der “Einheit und Widerspruch – Theorie- und Diskussionsorgan der PdA”. Um die gesamte Ausgabe zu bestellen, schreibe uns ein Email mit Name und Adresse an pda@parteiderarbeit.at

Von Tibor Zenker

Russland hat heute rund 145 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen, obwohl weite Gebiete eine sehr dünne Besiedelung aufweisen. Daher gibt es auch viele Großstädte, von denen manche in Westeuropa allerdings wenig bekannt sind. Dazu zählt wohl auch die Stadt Uljanowsk an der Wolga, wo deutlich über 600.000 Menschen leben – etwa so viele wie in Stuttgart oder Düsseldorf, Kopenhagen oder Glasgow.

Die genannte Stadt, etwa 700 Kilometer östlich von Moskau, trägt ihren heutigen Namen, weil dort am 22. April 1870 – vor 150 Jahren – ein gewisser Wladimir Iljitsch Uljanow geboren wurde. Auch diesen Namen kennt nicht jeder, doch wer mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus vertraut ist, weiß natürlich, dass sich dahinter W. I. Lenin verbirgt – respektive eigentlich eher umgekehrt: „Lenin“ war jener Deck- und Kampfname, den Uljanow im westeuropäischen Exil im Jahr 1900 annahm. Doch dazu kommen wir später.

Im Jahr 1870 hieß Uljanowsk noch Simbirsk – vermutlich eine Bezeichnung tatarischen Ursprungs – und hatte nicht einmal ein Zehntel seiner gegenwärtigen Einwohnerzahl. Lenins Vater, Ilja Uljanow, wirkte hier als Schulinspektor, zuvor war er Lehrer gewesen. Die Mutter Maria, geb. Blank, hatte ebenfalls die staatliche Lehrerinnenprüfung abgelegt, widmete sich jedoch vollständig Haushalt und Kindererziehung. Denn Kinder gab es mehrere: Neben Wladimir, genannt Wolodja, dessen ältere Geschwister Anna (*1864) und Alexander (*1866) sowie die jüngeren Olga (*1871 – sie starb bereits 1891 an Typhus), Dimitri (*1874) und Maria (*1878). Zwei weitere – Olga, *1868, und Nikolai, *1873 – starben bald nach ihrer Geburt. Alle Geschwister wurden in der revolutionären Bewegung aktiv, Anna, Dimitri, Maria – und natürlich Wladimir – auch Mitglieder der Sozialdemokratischen bzw. Kommunistischen Partei.

Es war jedoch der ältere Bruder, Alexander („Sascha“), der als erster zur Tat Schritt. Als Biologiestudent an der Universität von Sankt Petersburg, wo ab 1883 sein besonderes zoologisches Interesse den Ringelwürmern galt, schloss er sich der klandestinen sozialrevolutionären Gruppe „Volkswille“ an. Im März 1887 wurde seine Zelle von der Geheimpolizei ausgehoben, der man die Vorbereitung eines Attentats auf Zar Alexander III. vorwarf. Schon am 20. Mai desselben Jahres wurde Alexander Uljanow nach einem raschen Gerichtsverfahren in der Festung Schlüsselburg gehängt.

Die Hinrichtung war der zweite Schlag für die Familie binnen kurzer Zeit, am 24. Januar 1886 war der Vater Ilja an einer Gehirnblutung verstorben. Wladimir war zu diesem Zeitpunkt ein Teenager, Schüler am Klassischen Gymnasium von Simbirsk und vom Tod seines Bruders tief getroffen. Zwar legte er wenige Tage danach die Abschlussprüfungen als Jahrgangsbester ab, doch waren seine revolutionären Einstellungen, die er schon zuvor entwickelt hatte, nun umso mehr entbrannt.

Zunächst nahm er jedoch das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität von Kasan auf. Wegen der Teilnahme an Studentenprotesten wurde er bereits im Dezember 1887 von der Hochschule verwiesen, weswegen er den Abschluss als Externer machen musste, was 1891 mit Auszeichnung gelang. Ab 1892 war Wladimir Uljanow als Rechtsanwaltsassistent, in wenigen Fällen auch als Strafverteidiger in Samara tätig. 1893 übersiedelte er nach St. Petersburg, wo er in der Anwaltskanzlei Wolkenstein arbeitete.

In der Hauptstadt des russischen Zarenreiches beschäftigte sich Uljanow weiter mit dem Marxismus, auf den er schon durch seinen älteren Bruder gestoßen worden war, kritisierte die Vorstellungen und Methoden des „Volkstümler-Sozialismus“ und las Schriften von Georgi
Plechanow. Auch suchte er Kontakt zu Petersburger marxistischen Zirkeln, wobei er die gleichaltrige Lehrerin und Revolutionärin Nadeschda Krupskaja kennenlernte. Im Zuge einer längeren Reise durch West- und Mitteleuropa im Jahr 1894 war es ihm – auch dank seiner
durch die Mutter geförderten Mehrsprachigkeit – möglich, weitere wichtige Schriften zu studieren, die in Russland nicht zugänglich waren.

Als er 1895 als zweifellos gefestigter marxistischer Revolutionär nach St. Petersburg zurückkehrte, war er maßgeblicher Mitbegründer des „Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse“, der für die sozialistische Revolution agitierte. Dies führte im Dezember desselben
Jahres zu Uljanows Festnahme durch die zaristische Polizei: Nach 14 Monaten in Untersuchungshaft wurde er zu einer dreijährigen Verbannung in Sibirien verurteilt.

Am 8. Mai 1897 trat er die Strafe im Dorf Schuschenskoje an, im sibirischen Südwesten, unweit der Grenze zur Mongolei. Genau ein Jahr später folgte ihm Naschdeschda Krupskaja nach, die ebenfalls ein Verbannungsurteil ausgefasst hatte. Die beiden gingen vor Ort die Ehe ein. Das hölzerne Wohnhaus, in dem sie zusammen mit Nadeschdas Mutter Jelisaweta lebten, kann noch heute in Schuschenskoje besichtigt werden.

Durch die Verbannung verpassten Uljanow und Krupskaja ein Ereignis, das am 1. März 1898 in Minsk – 5.000 Kilometer entfernt – stattfand: Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Diesem Treffen wohnten überhaupt nur neun Delegierte bei, die sechs kleinere revolutionäre Organisationen vertraten, wobei keiner von ihnen in den folgenden Jahren eine größere Rolle in der russischen Arbeiterbewegung spielen sollte. Die meisten prominenten bzw. später bekannten Marxisten und kommenden Revolutionäre waren abwesend: Plechanow war im Exil, Lenin in der Verbannung, Trotzki im Gefängnis, Bucharin in der Grundschule und Stalin im Priesterseminar – um nur einige zu nennen. Es handelte sich so oder so um ein kühnes Vorgehen, sich auf dieser Basis zum Gründungs- und ersten Parteitag der SDAPR zu erklären – und doch hatte es weitreichende Folgen, denn die Resonanz lag über den Erwartungen: In vielen Städten Russlands bildeten sich, z.T. quasi auf eigene Faust, politische Arbeitergruppierungen und Zeitungsredaktionen, die sich als Teile der neuen SDAPR verstanden und in ihrem Sinne aktiv wurden. Zwar waren sie der Verfolgung und Repression der zaristischen Autokratie ausgesetzt, doch bis zum II. Parteitag – der allerdings erst in fünf Jahren stattfinden sollte – konnten sich vielerorts Basisstrukturen festigen, was auch von „außen“, d.h. vom westeuropäischen Exil unterstützt wurde.

In dieses ging nämlich auch Wladimir Uljanow, nachdem seine Verbannung mit 29. Januar 1900 vorbei war (Krupskaja folgte ein Jahr später, nach Ablauf ihrer Strafe). Denn er erkannte die Wichtigkeit der Herausgabe einer zentralen Zeitung der SDAPR, die zugleich aufklärerischen, ideologisch bildenden wie organisierenden Charakter haben sollte. Doch unter den Bedingungen der Illegalität war dies in Russland schwer möglich. Nicht zuletzt deshalb verließ er nach exakt sechs Monaten die Heimat und sollte erst nach fünf Jahren zurückkehren. In Genf kam er mit Plechanow zusammen, als sie die Etablierung der marxistischen Zeitung „Iskra“ („Funke“) beschlossen und vorbereiteten. Danach lebte Uljanow zunächst hauptsächlich in München, 1902 übersiedelte er nach London.

In der ersten Zeit des europäischen Exils benützte er verschiedene Decknamen, u.a. Jordanow und Mayer bzw. Meyer. Seine Artikel und Schriften begann er nun jedoch, nachdem er u.a. auch die Pseudonyme Iljin und Tulin verwendet hatte, in aller Regel mit „N. Lenin“ zu signieren, womit der berühmte Kampfname geboren war, unter dem Uljanow weltbekannt werden sollte. Es ist umstritten, ob sich diese Namenswahl tatsächlich auf den sibirischen Fluss Lena bezieht, der im Baikalgebirge entspringt und in nördlicher Richtung, über 4.500 Kilometer, zum Polarmeer fließt. Eine andere Erklärung stellt einen Bezug zum ehemaligen Kindermädchen gleichen Namens her. Das vorangestellte „N“ des Pseudonyms, das später zugunsten des tatsächlichen Vornamens wegfiel, steht jedoch wohl für Nikolai und dürfte vom Großvater väterlicherseits herrühren, von Nikolai Uljanow (1765−1838), der sich aus der Leibeigenschaft befreien konnte und danach als Schneider in Astrachan lebte.

Zum Jahreswechsel 1900/1901 lag die erste Ausgabe der „Iskra“ vor. Der Redaktion gehörten neben Lenin, der den ersten programmatischen Leitartikel verfasste, und Plechanow außerdem Wera Sassulitsch, Julius Martow, Pawel Axelrod und Alexander Potressow an, die sich alle im Exil befanden. Nur Lenins jüngerer Bruder Dimitri Uljanow, der als Korrespondent mitwirkte, lebte in Russland. Der Druck wurde auf Vermittlung deutscher Sozialdemokraten in Leipzig durchgeführt, wo kyrillische Lettern zur Verfügung standen, danach in München, schließlich in London. Eine weitere wesentliche Aufgabe bestand freilich im illegalen Transport der Zeitung nach Russland, wo
sie de facto als marxistisches Zentralorgan der SDAPR dienen sollte. Tatsächlich fanden die geschmuggelten Exemplare der „Iskra“ eine größere Leserschaft als alle früheren und anderen revolutionären Zeitungen Russlands.

Im März 1902 veröffentliche Lenin seine Schrift „Was tun? – Brennende Fragen unserer Bewegung“. Darin wurden entscheidende Gedanken zu Papier gebracht, die auf die Entwicklung der SDAPR zu einer marxistischen, revolutionären Kampfpartei der Arbeiterklasse abzielten. Damit wandte sich Lenin auch gegen die Vertreter des „Ökonomismus“, die der Arbeiterklasse nur die Befähigung zu gewerkschaftlichen, reformerischen sozialen Kämpfen zubilligten. Lenin setzte hingegen auf umfassende politische Aufklärung, auf die Hineintragung sozialistischen Bewusstseins in die Arbeiterschaft, Heranführung an den Marxismus, Organisierung der fortgeschrittensten Arbeiter und Ausbildung von revolutionären Kadern als Vorhut des Proletariats. Vieles davon – nicht zuletzt der strenge und straffe Konspirativismus – bezog sich auf die damalige konkrete Situation in Russland, in weiterer Folge sollte sich jedoch zeigen, dass der Gutteil der Überlegungen zu einer „Partei neuen Typus‘“ von allgemeiner Relevanz war: Auf ihnen fußen die Prinzipien der marxistisch-leninistischen Partei und des demokratischen Zentralismus. In der „Iskra“-Redaktion und in der SDAPR war mit der Veröffentlichung allerdings endgültig eine Diskussion entbrannt, die den kommenden, II. Parteitag sowie die weitere Geschichte der russischen und dann auch der weltweiten Arbeiterbewegung prägen sollte.

Der angesprochene, etwas langwierige Parteitag, der gewissermaßen aber auch der erste vollwertige war, sollte Ende Juli 1903 in Brüssel
beginnen, doch die Delegierten wurden von der belgischen Polizei des Landes verwiesen. Daher musste die Tagung kurzfristig nach London
verlegt werden. Auf dem Kongress, der nun im August zusammentrat, zeigte sich rasch, dass sich zwei Gruppen gegenüberstanden: Einerseits die Anhänger Lenins sowie seiner organisatorischen und strategischen Ausrichtung, andererseits, unter Führung Martows, Ökonomisten, Reformer und Autonomisten, die auf eine lose Struktur orientierten. Lenin, der sich inzwischen einen Namen als marxistischer Revolutionär gemacht hatte, konnte die Mehrheit der Delegierten hinter sich versammeln – von dieser Tatsache her rührt die Bezeichnung dieser Gruppe als Bolschewiki („Mehrheitler“), während die „Menschewiki“ die Minderheit in der russischen Sozialdemokratie bildeten. Wenngleich ein gemeinsames marxistisches Programm beschlossen wurde, so bedeutete der II. Parteitag eine faktische Spaltung der SDAPR.

Mit entsprechendem Abstand und wenngleich nicht jede Entscheidung des Parteitages an dieser Linie festzumachen ist, so kann man heute trotzdem sagen, dass damit eine Trennung vorweggenommen wurde, die am Ende und nach dem Ersten Weltkrieg die gesamte Arbeiterbewegung betreffen und eine zwingende Konsequenz aus Revisionismusdebatte, Sozialimperialismus und ‑chauvinismus, Burgfriedenpolitik und Revolutionsablehnung sein sollte. In weiterer Folge repräsentierten die Bolschewiki den konsequent marxistischen und
revolutionären, internationalistischen, schließlich kommunistischen Teil der Arbeiterbewegung, die Menschewiki hingegen den reformistischen,
revisionistischen, opportunistischen, kurz: die nicht (mehr) marxistische Sozialdemokratie.

Lenin reflektierte die Ergebnisse des insgesamt wenig zufriedenstellenden Parteitages in der Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte
zurück“, die 1904 erschien. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Menschewiki bereits die „Iskra“ an sich gerissen bzw. waren sämtliche
Redaktionsmitglieder außer Lenin auf deren Seite gewechselt. Die marxistische „Iskra“ hatte mit Ausgabe 44 (Juli 1903) zu existieren
aufgehört, die von Plechanow betriebene Fortführung (bis 1905) wurde zum Sprachrohr des Revisionismus. Die Bolschewiki publizierten
in weiterer Folge ihre Zeitung unter den Namen „Wperjod“ („Vorwärts“) und „Proletari“ („Der Poletarier“).

Es kam die Russische Revolution von 1905, im Gefolge des Russisch-Japanischen Krieges und des „Petersburger Blutsonntags“, als im
Zuge einer Demonstration streikender Arbeiter hunderte Menschen von Soldaten erschossen wurden. Aufstände, Unruhen, Streiks, Landbesetzungen und Meutereien (auf entsprechende Ereignisse in Odessa bezieht sich Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“, 1925)
wurden zunächst blutig niedergeschlagen, doch verlor die zaristische Staatsmacht tendenziell die Kontrolle über die Situation. In St. Petersburg bildete sich der erste Arbeiterrat („Sowjet“). Lenin ergriff im Gefolge des III. Parteitages der SDAPR in London (April/Mai 1905)
die Gelegenheit, um nach Russland zurückzukehren. In einigen Städten verfügte die SDAPR über bedeutenden Einfluss unter der Arbeiterschaft und sie wuchs in den Revolutionsjahren auf zigtausende Mitglieder an. Die Bolschewiki organisierten eine geheime Konferenz
im Tampere (Finnland) unter Lenins Leitung, um zumindest nun in der revolutionären Situation eine gewisse Zusammenarbeit der beiden
Flügel zu ermöglichen, was auch gelang, wenngleich sich die Menschewiki zur selben Zeit in Genf trafen. Zar Nikolaus II. beruhigte die
eskalierende Lage in Russland durch die Zusage zur Schaffung eines Parlaments („Duma“). Da sie unter den vorgegebenen Bedingungen
ein Scheinparlament unter Kontrolle der Autokratie sahen, boykottierten die Bolschewiki die Wahlen zur ersten Duma (April-Juli 1906)
– tatsächlich verfügte diese „Volksvertretung“ über wenig Macht als zweite Kammer unter dem vom Zaren kontrollierten Reichsrat. Dennoch
wurde sie bald wieder aufgelöst, als liberale Kräfte eine Landreform anstrebten. In der zweiten Duma (Februar-Juni 1907), an deren Wahl die SDAPR auf Lenins Initiative sehr wohl teilnahm, stellten die Sozialdemokraten auf Anhieb 65 Abgeordnete und damit die drittgrößte Fraktion. Mit den 34 Sitzen der Sozialrevolutionären Partei sowie den 101 der (allerdings einigermaßen fragwürdigen) „bauernsozialistischen“
Trudowiki war ein gewissermaßen „linker“ Einfluss entstanden, der den Zaren zur abermaligen baldigen Auflösung veranlasste – als Vorwand diente die angebliche Vorbereitung eines Putschversuches der SDAPR. Für die dritte Duma wurde das Wahlgesetz zugunsten des Adels, der Gutsbesitzer, Großunternehmer und vermögenden Bürger, zuungunsten der städtischen (arbeitenden) Bevölkerung, der Bauern und der Minderheiten abgeändert: Das gewünschte Ergebnis zum Jahresende 1907 war eine zarentreue Mehrheit, während die SDAPR nur noch 14 Abgeordnete stellte. Ministerpräsident Stolypin gelang durch Reformen eine Stabilisierung der allgemeinen Lage, obgleich Bolschewiki und Sozialrevolutionäre ihre Kämpfe fortführten. Die Russische Revolution 1905 – 1907 war jedoch gescheitert und es setzte wieder vermehrte Repression ein. Lenin hatte zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Verfolgung durch die russische Geheimpolizei bereits nach Finnland fliehen müssen, bald darauf ging er wieder nach Westeuropa, diesmal hauptsächlich in die Schweiz, zwischenzeitlich wohnte er auch in Paris und London.

In der Zwischenzeit, im April 1906, war in Stockholm der IV. Parteitag der SDAPR zusammengekommen, Bolschewiki wie Menschewiki.
Lenins Statutenvorschläge wurden nun zur Gänze angenommen. Ein neuer Höchststand an Parteiorganisationen hatte Delegierte entsandt.
Zudem wurden die sozialdemokratischen Parteien Finnlands, Polens, der Ukraine, Litauens und Lettlands sowie der jüdische Arbeiterbund
integriert, weshalb mitunter von einem „Vereinigungsparteitag“ gesprochen wird. Doch die tatsächliche „Wiedervereinigung“ von Bolschewiki und Menschewiki erwies sich zurecht als unmöglich, obwohl Lenin und die Bolschewiki zu einigen Kompromissen bereit waren.

Dies zeigte sich abermals am V. Parteitag – dem letzten gemeinsamen der beiden Flügel –, der nur ein Jahr danach, in der zweiten Maihälfte
1907 in London tagte. Die Bolschewiki verfügten über eine knappe Mehrheit, die jedoch von lettischen und polnischen Unterstützern abhing.
Die Frage: bewaffneter revolutionärer Aufstand oder Transformierung der SDAPR in eine reformistische sozialdemokratische Partei
westeuropäischen Typs, stand im Mittelpunkt der Diskussionen, ebenso die Frage der revolutionären „Enteignungen“, d.h. der Raubüberfälle
zur Finanzierung der Partei, durch die Bolschewiki. Lediglich in der letzteren Angelegenheit erlitt Lenin eine Abstimmungsniederlage. Bezüglich des Zentralkomitees einigte man sich nochmals auf eine ausgewogene Zusammensetzung. Dennoch, unter den Bedingungen verstärkter Repression und Spaltungsförderung durch die russische Staatsmacht, entwickelte sich nicht zuletzt Martow, der prominenteste Menschewik, zu einem Befürworter der vollständigen Liquidierung der SDAPR als revolutionärer Kampfpartei, die auf dem Wege des Klassenkampfes und des Aufstandes Zarismus und Kapitalismus stürzen solle. Lenin wandte sich in aller Entschiedenheit gegen derartige Ideen: Eine Unterordnung unter das Wohlwollen des zaristischen Staates, ein parlamentarischer Weg zu entscheidenden Reformen oder gar zum Sozialismus widersprach seiner Meinung nach der Substanz des Marxismus und der revolutionären Arbeiterbewegung, und kam einer Kapitulation gleich. Selbst innerhalb des menschewistischen Flügels bildeten sich in weiterer Folge verschiedene Fraktionen, die auf unterschiedlichen Vorstellungen über Organisation, Strategie und Taktik beruhten.

Im August 1910 nahm Lenin als Vertreter der SDAPR am 8. Kongress der II. Internationale in Kopenhagen teil. Die Versammlung, die
auch den 8. März als Internationalen Frauentag bestätigte, stand zum Gutteil unter den Vorzeichen des Rüstungswettlaufs und der Kriegsgefahr. Die neuerliche Resolution gegen Militarismus und internationale Konflikte, die den Beschluss des Stuttgarter Kongress von 1907,
die durch einige Abänderungsanträge u.a. auch Lenins Handschrift trug, explizit bestätigte, verpflichtete die Parteien dazu, den drohenden
großen imperialistischen Krieg gegebenenfalls zu nützen, um die Bourgeoisie zu stürzen. Bereits vier Jahre später sollte sich dieser Beschluss
als wertlos erweisen.

Für Januar 1912 wurde eine Parteikonferenz der SDAPR nach Prag einberufen. Die Menschewiki, die sich auch aufgrund interner Zerwürfnisse
in einer besonderen organisatorischen Schwächephase befanden, entsandten lediglich zwei Delegierte. Daher fand die Versammlung unter erheblicher bolschewistischer Dominanz statt, obgleich Lenin sich keineswegs in allen Punkten durchsetzen konnte. Zudem hatte Leo Trotzki gleichzeitig zu einem menschewistischen Gegenkongress nach Wien geladen. Der Bruch zwischen Bolschewiki und Menschewiki wurde nun „amtlich“: In Prag wurden Lenin, Stalin und Swerdlow ins Zentralkomitee gewählt, die Partei erhielt einen Namenszusatz und firmierte von nun an als „Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki)“ – zur Abgrenzung von den menschewistischen Revisionisten und Opportunisten –, und bereits im April desselben Jahres gab die SDAPR (B) die neue Parteizeitung „Prawda“ („Wahrheit“) heraus. Die Mitgliederzahl war inzwischen jedoch auf 10.000 gesunken.

Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg begann – der von den Bolschewiki durchaus vorhergesehen worden war –, befand sich Lenin aus
gesundheitlichen Gründen gerade in der Nähe von Krakau, wo er aufgrund seiner russischen Staatsbürgerschaft von den österreichischen
Behörden verhaftet wurde. Viktor Adler, der Vorsitzende der österreichischen Sozialdemokratie, verbürgte sich für Lenins antizaristische
Gesinnung, weswegen er im Laufe des Augusts in die Schweiz ausreisen konnte.

In Bern und Zürich analysierte er in den folgenden Monaten und Jahren den Zusammenbruch der II. Internationale und das Versagen
der sozialdemokratischen Parteien – fast alle, mit Ausnahme v.a. der SDAPR (B), waren auf Positionen der angeblichen „Vaterlandsverteidigung“ und der Kriegsunterstützung übergegangen. Lenin und die Bolschewiki orientierten weiterhin auf die Verwandlung des imperialistischen Krieges in den revolutionären Bürgerkrieg zum Sturz der dynastischen und kapitalistischen Herrschaft, wie es auf den internationalen sozialistischen Kongressen von Stuttgart (1907), Kopenhagen (1910) und Basel (1912) ja beschlossen worden war. Die Abgeordnete der Bolschewiki stimmten im August 1914 in der Duma gegen die Kriegskredite, woraufhin die meisten verhaftet und nach Sibirien deportiert wurden, während die SDAPR (B) im Herbst desselben Jahres verboten und scharf verfolgt wurde. Dennoch gelang es trotz Illegalität und Krieg, einen Mitgliederstand von rund 25.000 zu erhalten.

In dem Artikel „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ (1915) widersprach Lenin der Illusion einer nichtimperialistischen
supranationalen Union unter kapitalistischen Verhältnissen, mit geradezu prophetischem Gespür für heutige EU-Apologien von „links“.

Anfang September 1915 nahm Lenin als Repräsentant der SDAPR (B), gemeinsam mit Grigori Sinowjew, an der internationalen Konferenz
der sozialistischen Kriegsgegner im Schweizer Zimmerwald in der Nähe von Bern teil. Die „Zimmerwalder Linke“ um Lenin konnte sich mit ihren revolutionären Positionen jedoch nicht gegen die rechten Kräfte sowie pazifistische Illusionen durchsetzen, schließlich wurde ein zentristisches Kompromissmanifest beschlossen, das wesentlich die Handschrift von Trotzki trug und den Krieg lediglich verurteilte sowie Friedenspolitik forderte. Lenins Zusatzprotokoll insistierte hingegen auf den Sturz der Klassenherrschaft im Gefolge des Krieges. Auf der Nachfolgekonferenz von Kiental im Berner Oberland (April 1916) verfügten die Linken über mehr Einfluss, was sich immerhin in einem Bekenntnis zum revolutionären Klassenkampf niederschlug. Trotzdem zeigte sich abermals, dass abwiegelnde Sozialdemokratie und revolutionärer Marxismus künftig getrennte Wege gehen würden, was sich auf und mit der dritten Konferenz (Stockholm, September
1917) bestätigte – auf Lenins Veranlassung reiste der bolschewistische Delegierte daher vorzeitig ab.

Am 25. Juli 1916 starb Lenins Mutter Maria Uljanowa. Lenin war tief getroffen, dass es ihm nicht möglich war, an ihrer Beerdigung in St.
Petersburg – nun Petrograd – teilzunehmen. Er hatte sie zuletzt 1910 bei einer Zusammenkunft in Schweden gesehen und war bis zu ihrem
Tod mit ihr in Briefwechsel gestanden.

Nicht zuletzt widmete sich Lenin in dieser Zeit aber auch umfassenden ökonomischen Studien, deren 1916 fertiggestelltes Ergebnis das
bedeutende Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ ist. Darin nimmt Lenin eine fundierte Analyse des Monopolkapitalismus vor, systematisiert seine Merkmale und weist ihm seinen Platz in der Geschichte als Vorabend der sozialistischen Revolution zu. Wie unmittelbar er von dieser Aussicht in nächster Zukunft selbst betroffen sein würde, ahnte er zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht. Und man ist geneigt, es bei der Bemerkung zu belassen: Der Rest ist Geschichte.

Es ist hier nicht der Platz, um den Verlauf der russischen Revolutionen des Jahres 1917 im Detail nachzuzeichnen. Faktum ist: Am 8. März begann die Februarrevolution, die den Zarismus hinwegfegen sollte, als Folge der militärischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise. Es bildete sich die Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung, die sich auf die im November 1912 gewählte Duma stützte, und der Sowjets der Arbeiter und Soldaten, unter Führung des Petrograder Sowjets. An der Spitze der neuen Regierung, die Zar Nikolaus II. sowie dessen designierten Nachfolger und Bruder Michail zum (vorläufigen) Thronverzicht bewegte, standen liberale bürgerliche Kräfte, den Ministerpräsidenten stellte die Kadettenpartei mit Fürst Lwow. Ihm sollte im Juli Alexander Kerenski folgen, zuvor Kriegsminister, ehemals Fraktionsvorsitzender der Trudowiki, nun Mitglied der Sozialrevolutionären Partei. Detail am Rande: Wie Lenin stammte Kerenski aus Simbirsk, wo sein Vater den jungen Wladimir Uljanow sogar am Gymnasium als Lehrer unterrichtet hatte. So groß Russland auch sein mag – die Welt ist klein.

Am 9. April 1917 brach Lenin mit 18 weiteren Bolschewiki – darunter Krupskaja, Sinowjew und Karl Radek – auf, um per Zug (teilweise
auch per Schiff) und mit einer deutschen Transiterlaubnis ausgestattet nach Russland zurückzukehren. Es dürfte außer Zweifel stehen, dass
das zuständige deutsche Außenministerium sich eine weitere Destabilisierung Russlands und daher positive Auswirkungen auf den Krieg und einen möglichen separaten Friedensschluss erhoffte. Dass Lenin aber im Auftrag des Deutschen Reiches agierte, quasi als Agent, der auch noch großzügige Millionen deutscher Goldmark für die Bolschewiki mitbrachte, gehört in den Bereich der Verschwörungstheorien, zumal es insgesamt über 400 russische Emigranten ganz unterschiedlicher politischer Ausrichtung waren, denen im Laufe des Jahres 1917 über Deutschland die Rückkehr ermöglicht wurde. Nichtsdestotrotz war sich Lenin bewusst, dass die Begleitumstände von seinen Gegnern
aufgebauscht und gegen ihn verwendet werden würden – was bis heute zutrifft.

Bereits am 17. April sprach Lenin vor dem Petrograder Sowjet und forderte den Sturz der Provisorischen Regierung und den Übergang der demokratischen, bürgerlichen Revolution in die sozialistische der Arbeiter und Bauern. Die Parole „Alle Macht den Sowjets!“ wurde propagiert, somit die Republik der Arbeiter- und Bauerndeputierten. Als Maßnahmen stellte Lenin die Verstaatlichung der Banken, die Kontrolle der Industrie durch die Arbeiter, die Enteignung des Großgrundbesitzes und die Landverteilung an die Bauern sowie die Beendigung des Krieges auf die Agenda. Für die eigene Partei bedeutete dies, dass man eine bolschewistische Mehrheit in den Sowjets erringen und sich auf den bewaffneten Aufstand vorbereiten müsste. Die Ausführungen Lenins gingen in schriftlicher Form vom 20. April als „Aprilthesen“ in die Geschichte ein. Die bolschewistische Losung: „Frieden! Brot! Land!“, ergriff tatsächlich die Massen, da die Provisorische Regierung zwar allerlei Versprechungen (z.B. Landreform) machte und demokratische Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung in Aussicht stellte, aber in der Realität weder die militärischen noch die sozialen Probleme in den Griff bekam.

In aller Folgerichtigkeit gab es ab Mai vermehrt Streiks, Demonstrationen, Fabrikbesetzungen sowie Desertationen in der Armee. Die SDAPR (B) verfügte über mehr als 200.000 Mitglieder und die bolschewistische Arbeitermiliz der Roten Garde erhielt regen Zulauf. Am I. Allrussischen Sowjetkongress Anfang Juni betonte Lenin die offensive Haltung der Bolschewiki, die jedoch noch in der Minderheit waren. Nach dem Scheitern der Kerenski-Offensive unternahm die Rote Garde im Juli einen Aufstandsversuch in Petrograd, der von den Regierungstruppen niedergeschlagen wurde. Als Folge wurden zahlreiche Bolschewiki verhaftet, Lenin, der fürderhin eine gewissenhafte Vorbereitung des bewaffneten Aufstands verfolgte, floh nach Finnland.

Anfang September versuchte General Kornilow einen konterrevolutionären Putsch, der kläglich scheiterte. Im Zuge dessen musste die
schwache Regierung jedoch die Rote Garde sowie bolschewistische Soldaten und Matrosen zur Unterstützung rufen, wodurch die Kräfteverhältnisse abermals in Bewegung gerieten. In den Sowjets von Petrograd (90%) und Moskau (60%) errangen die Bolschewiki nun jeweils eine massive Mehrheit, ebenso in einigen weiteren Städten. Mitte September hielt Lenin die Zeit für den bewaffneten revolutionären
Aufstand für gekommen, was im Zentralkomitee der SDAPR (B) jedoch, gelinde gesagt, nicht unumstritten war.

Doch Lenin, der wieder aus Finnland zurückkehrte, gelang es auf zwei ZK-Sitzungen am 22. und 28. Oktober, eine deutliche Mehrheit für den Aufstand und die sozialistische Revolution zu gewinnen. Lediglich Sinowjew und Lew Kamenew stimmten dagegen. In das Militärisch-Revolutionäre Zentrum der Partei wurden Bubnow, Dserschinski, Stalin, Swerdlow und Urizki gewählt. Auch Trotzki, der im August in die SDAPR (B) aufgenommen worden war, kam als Vorsitzendem des Petrograder Sowjets eine bedeutende Rolle zu. Die Provisorische Regierung spielte den Vorbereitungen in die Hände, indem sie den II. Allrussischen Sowjetkongress auf 7. November verschob.

In der ersten Novemberwoche organisierten die Bolschewiki ihre militärischen Kräfte in der russischen Hauptstadt, die neben der Roten Garde aus bolschewistischen Soldaten der Petrograder Garnison, Matrosen der Kronstädter Marine und Arbeiterkomitees bestanden. Am 6. November wurden von ihnen bereits wichtige strategische Positionen in der Stadt besetzt. Als Kerenski bemerkte, dass er im Begriff stand, die Kontrolle über Petrograd zu verlieren, setzte er sich ab. Währenddessen verkündete Lenin auf einer Sitzung des Petrograder Sowjets im Smolny-Institut, dass die Provisorische Regierung gestürzt sei und die sozialistische Revolution begonnen habe. In der Nacht auf den 7. November markierte ein Blindschuss des Kreuzers „Aurora“ auf das Winterpalais, wo sich die Reste der Regierung befanden, den Beginn des bewaffneten Aufstandes. Die Revolutionäre nahmen daraufhin bei geringem Widerstand das Winterpalais ein (gewiss weniger stürmisch, als es John Reed schilderte) und – schickten die abgesetzten Minister nach Hause. Damit hatte die Revolution in Petrograd militärisch gesiegt, während in Moskau noch länger gekämpft wurde. Die Frage der politischen Macht bedurfte jedoch noch einer Klärung.

Am späten Abend des 7. November begann der II. Allrussische Sowjetkongress. Die Bolschewiki verfügten über die weitaus größte Gruppe
von 390 Delegierten. Durch eine Spaltung der Sozialrevolutionäre sowie den Auszug der rechten Sozialrevolutionäre und der meisten Menschewiki gestalteten sich die Verhältnisse rasch umso klarer: Man beschloss den Übergang der Macht von der Provisorischen Regierung
zu den Sowjets. Kamenew wurde zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees gewählt. Lenin wandte sich an den Kongress und stellte die
Dekrete über den Frieden sowie über Land und Boden vor, die beide angenommen wurden. Es war bereits der Morgen des 8. November
angebrochen, als der Kongress die Einrichtung eines Rates der Volkskommissare beschloss, der unter Lenins Vorsitz als revolutionäre
Regierung dienen sollte. Die damit einhergehende Errichtung der Russischen Sowjetrepublik bedeutete die Schaffung des ersten sozialistischen Staates der Menschheitsgeschichte.

Die siegreiche Oktoberrevolution hatte freilich mit Gegenwind konterrevolutionärer Kräfte zu kämpfen. Die Aufstellung der Roten Armee
befähigte sie jedoch, sich gegen weißgardistische Truppen und imperialistische Interventionen erfolgreich zu verteidigen. Im Kerngebiet
endete der Bürgerkrieg bereits 1920 mit der Einnahme der Krim, im Kaukasus 1921, schließlich aber endgültig mit der Befreiung
Wladiwostoks 1922. Die Zeit des fortgesetzten Bürgerkrieges und des „Kriegskommunismus“ verlangte der jungen Sowjetrepublik jedoch
einiges ab und forderte zahlreiche Opfer.

Auch Lenin selbst war betroffen: Am 30. August 1918 wurde er bei einem Schussattentat schwer verletzt, wovon er sich nie mehr vollständig erholen sollte. Am 25. Mai 1922 erlitt Lenin einen schweren Schlaganfall, zwei weitere sollten folgen. Bevor er am 21. Januar
1924 im Alter von erst 53 Jahren starb, nahm er jedoch noch erheblichen Einfluss auf die Revolution, die Partei und die internationale
Arbeiterbewegung.

Anfang März 1919 wurde in Moskau auf Lenins Initiative die III., die Kommunistische Internationale gegründet. Ihr schlossen sich die
neuen kommunistischen Parteien der Welt an, die sich in aller Folgerichtigkeit und notwendiger Weise von der reformistischen, opportunistischen und gegenrevolutionären Sozialdemokratie abgrenzten. Lenin eröffnete den Gründungskongress persönlich und hatte bei wichtigen Beschlüssen seine Feder im Spiel. Die SDAPR (B) selbst war bereits im März 1918 auf Lenins Veranlassung umbenannt worden
in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), KPR (B) – ab Dezember 1925 lautete die offizielle Bezeichnung Kommunistische
Allunionspartei (WKP), ab Oktober 1952 schließlich Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU).

Mit 30. Dezember 1922 wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gegründet, der föderative Zusammenschluss
der einzelnen Sowjetrepubliken auf dem zuvor „russischen“ Staatsgebiet. Damit gelang es, eine konstitutionelle Grundlage für den Aufbau
des Sozialismus im größten Land der Erde zu schaffen. Die „Neue ökonomische Politik“ sollte die wirtschaftliche Grundlage für den Aufbau des Sozialismus optimieren.

In den verbleibenden knapp 13 Lebensmonaten, in denen Lenin an der Regierungsspitze der UdSSR stand, war er gesundheitlich bereits
schwer gezeichnet. Als er am 24. Januar 1924 verstarb, wurde der Leichnam von Wyschnie Gorki, wohin sich der schwerkranke Lenin
zurückgezogen hatte, nach Moskau überführt, wo ihm Millionen Menschen die letzte Ehre erwiesen. Am 27. Januar wurde der einbalsamierte
Körper in ein temporäres hölzernes Mausoleum am Roten Platz vor der Kremlmauer gebracht, das 1933 durch das bekannte rote Bauwerk ersetzt wurde, das ein wenig an eine Stufenpyramide erinnert. Der gläserne Sarkophag wird bis heute von zahlreichen Menschen mit würdigem Respekt aufgesucht – selbst die Konterrevolution von 1989 – 1991 konnte daran nichts ändern. Bereits unmittelbar nach Lenins Tod, am 26. Januar 1924, wurde ihm zu Ehren Petrograd in Leningrad umbenannt. Der Sterbeort heißt seither Gorki Leninskije. Lenins Geburtsort Simbirsk erhielt bald darauf den Namen Uljanowsk, wie bereits eingangs erwähnt.

Doch von Lenin bleiben nicht vorrangig die körperliche Hülle, die im Moskauer Mausoleum ruht, oder ehemalige und gegenwärtige Ortsbezeichnungen: Lenin war die Führungspersönlichkeit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, der ersten siegreichen sozialistischen Revolution und des ersten sozialistischen Staates der Geschichte (gewiss, er hatte nicht nur einen Koch, sondern hunderttausende revolutionäre Arbeiter und Arbeiterinnen dabei). Dass dies nicht nur symbolische Bedeutung impliziert, sondern auch theoretische, strategische und praktische, davon zeugen Lenins Wirken und Werk. Lenin war einer der entschiedensten Verteidiger des Marxismus, als sich in der alten Sozialdemokratie Revisionismus und Opportunismus breitmachten. Er blieb auf der revolutionären Linie, als die europäische Sozialdemokratie angesichts des Weltkrieges kapitulierte oder gar die Seiten wechselte. Er entwickelte die Prinzipien zum Aufbau der revolutionären Partei neuen Typs sowie jene des demokratischen Zentralismus, ohne den keine ernsthafte kommunistische Partei bestehen kann. Er veranlasste die Schaffung einer kommunistischen Weltbewegung und die Bolschewisierung ihrer Mitgliedsparteien. Er gab uns wertvolle Hinweise zur revolutionären Strategie und Taktik sowie zur Bündnispolitik der Arbeiterklasse. Er schenkte uns mit seiner Imperialismustheorie ein unerlässliches Werkzeug zum Verstehen des immer noch gegenwärtigen Monopolkapitalismus.

Für die Kommunistinnen und Kommunisten hat es daher substanzielle Bedeutung, sich zum vollständigen Marxismus-Leninismus zu bekennen und diesen anzuwenden. Die Welt zu verstehen, die Arbeiterklasse aufzuklären, mit revolutionärem Bewusstsein auszustatten und zu organisieren, ihre Partei aufzubauen, den Klassenkampf zu führen und die sozialistische Revolution zu verwirklichen, sind ohne Lenin unmöglich. Freilich, man kann es mit der Würdigung von Einzelpersonen auch übertreiben und Lenin war wohl kein Freund einer solchen Übertreibung, aber der Zug ist in Bezug auf Lenin sowieso längst abgefahren. Die wahre Würdigung besteht ohnedies vielmehr darin, sein Werk fortzusetzen: Der Leninismus und die marxistisch-leninistische Partei bilden das Vermächtnis und die Waffen, die er uns im Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus hinterließ. Die kommunistischen und Arbeiterparteien sind gefordert, sie aufzugreifen, die Arbeiterklasse und die Völker damit auszustatten und diese zum endgültigen Sieg zu führen.