Der Jännerstreik 1918

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Im folgenden möchten wir anlässlich des 100. Jahrestages des Jännerstreiks einen Artikel aus der “Roten Fahne” vom 15. Jänner 1928 wiedergeben, welcher sehr gut darstellt, wie es zu den Streikhandlungen im vierten Kriegswinter kam und wie dieser von den reformistischen Führern der österreichischen Sozialdemokratie abgewürgt wurde. Der vorliegende Artikel ist von uns leicht gekürzt. Unter folgendem Link findet man das Original: http://​anno​.onb​.ac​.at/​c​g​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​a​n​n​o​?​a​i​d​=​d​r​f​&​d​a​t​u​m​=​1​9​2​8​0​1​1​5​&​s​e​i​t​e=5
„Wir haben das Menschenmögliche getan“
Unmittelbar vor Kriegsausbruch hatte die deutsch-österreichische Sozialdemokratie einen pazifistischen Aufruf herausgegeben. Aber schon am 1. August folgte der Gruß der Gewerkschaftskommission an die Brüder „unter der Fahne ohne Unterschied der Partei“. Es war klar geworden, dass die reformistischen Arbeiterführer willig das Joch des Imperialismus auf sich nehmen. So wurde denn das alte Programm fallen gelassen, „die Kulturarbeit des Sozialismus, dem wir verbunden verbleiben im Leben und getreu bis zum Tode.“ Aus des pazifistischen Chamade wurde die Kriegsfanfare des Imperialismus. (…)
Hatten die deutschen Sozialdemokraten wenigstens die Ausrede, daß sie gefragt worden waren, ob sie die Kriegskredite bewilligen wollen, so konnten ihre österreichischen Brüder dies nicht für sich geltend machen. Der österreichischen Autokratismus forderte keine Kriegskredite. Er nahm sie einfach in Anspruch. „Wir kämpfen gegen den Zarismus“, jauchzten die Gewerkschaftsblätter, während Österreich ein autokratisches Land geworden war, dessen Verfassung immer „zaristischer“ wurde.
Unmittelbar vor dem Kriege hatten die Massen der österreichischen Arbeiter vertrauensvoll auf ihre Führer geblickt, die Botschaft von Basel wirkte mächtig in den Herzen der österreichischen Proleten und alle glaubten, die Arbeiterklasse werde den imperialistischen Krieg durch ihre Erhebung verhindern. Aber schon in Brüssel unmittelbar vor Kriegsausbruch hat Viktor Adler die niederschmetternden Worte gesprochen: „Wir haben das Menschenmögliche getan.“ Ein konfiszierter Aufruf war das einzige Alibi der sozialdemokratischen Arbeiterpartei vor der Geschichte. Die zahllosen Aufrufe und Artikel im Dienste der Landesverteidigung und des Imperialismus beweisen das Gegenteil. (…)
Im Dienste des Imperialismus
„Auf nach Paris!“ jubelte die „Arbeiter-Zeitung“. Als der U‑Boot-Krieg eine der umstrittensten Probleme der Kriegführung wurde, da trat Leuthner frisch, fromm, fröhlich, frei, an die Seite der Anhänger des U‑Boot-Krieges und verkündete später in seinem Buche „Der russische Volksimperialismus“ die weise Lehre, daß der eigentliche Feind nicht der Zarismus, sondern das russische Volk selbst sei. Die anderen Größen der Bewegung blieben hinter nicht zurück. (..) Karl Renner anfangs wankend, wurde durch die Sanierung der Genossenschaften infolge des Moratoriums und eines Zuschusses der Regierung an die Konsumvereine, ein überzeugter Durchhalte-Prediger. Wollte Pernerstorfer ein „größeres deutsches Vaterland“, so wollte Renner noch mehr: ein imperialistisches Mitteleuropa mit demokratischen Garantien, ein Wirtschaftsgebiet von der Ostsee bis nach Bagdad. Es ist erklärlich, daß unter solchen Umständen Karl Renner ein Vorkämpfer der Annexion Polens werden mußte und der Kuriosität halber sei erwähnt, daß auch Pan Pilsudski von Austerlitz als „erster roter Brigadier“ begeistert verherrlicht wurde. (…)
Die „legale“ Linke
Dennoch begann sich allmählich eine Opposition zu sammeln. Die Zusammenkünfte der Legalen wurden durch die Neugründung des Vereins „Karl Marx“, der aus der alten „Zukunft“ hervorgegangen war, weiteren Kreisen zugänglich und im Rahmen dieses legalen Zentrums erstarkte die kleine, aber aktive Gruppe der Linksradikalen, die Zimmerwalder Linke in Österreich. Als Fritz Adler einen ernsten Kampf gegen die Parteileitung führen wollte, wurde er von seiner engeren Umgebung im Stiche gelassen. (…) Der Verein „Karl Marx“ wurde aufgelöst und der Regierungsterror gegen alle Linksströmungen in der Arbeiterschaft wurde durch häßliches Denunziantentum der reformistischen Bürokratie ergänzt.
Linke und Linksradikale
Während die legale Linke einen zahmen und umso hoffnungsloseren Kampf gegen die alte Parteileitung führte, begannen die Massen selbst rege zu werden und im eigenen Namen auf den Plan zu treten. Die Legalen glaubten ebensowenig, wie heute Otto Bauer an die Schlagkraft der Masse. Es hätte ihnen vollkommen genügt, wenn die Arbeiterschaft und ihre Führer die Kriegspolitik nur nicht unterstützt hätten. Während Leuthner die Zimmerwalder als „Hochverräter“ brandmarkte, während Glöckel als Jugenderzieher der militärischen Ertüchtigung das Wort redete und Pernerstorfer alle seine Vertrauensmänner animierte, freiwillig an die Front zu gehen, begann die zähe Kleinarbeit, die Mobilmachung der Massen gegen den imperialistischen Krieg sich vorzubereiten. Im Mai 1917 war es zu einem Metallarbeiterstreik gekommen, schon ein halbes Jahr früher hatten Hungerdemonstrationen der Frauen unter linksradikaler Führung stattgefunden. Das reformistische Führertum sah die Gefahr: „Hände weg!“ schrie die „Gewerkschaft“ dem „unverantwortlichen“ Elementen zu und empfahl sie damit dem Militärgericht. Die linksradikale Bewegung blieb nicht auf Wien beschränkt. Kurz vor der dritten Zimmerwald-Konferenz wurden die ersten Provinzkomitees gegründet und der Streik der Elektriker von Wöllersdorf vorwärtsgetrieben.
Im Föhrenwalde
In Wr.-Neustadt wie in Ternitz begangen sich die Arbeiter zu rühren und die Reichskonferenz der Linksradikalen in Sankt-Ägyden im Föhrenwalde bei Wr. Neustadt war der Beginn einer zentralisierten Aktion. Die vielen kleinen Lokalbewegungen wurden zusammengefaßt und die Lenin-Deklaration von Kienthal wies auch den österreichischen Arbeitern den Weg.
Während in Stockholm die dritte Zimmerwald-Konferenz zusammentrat, wurde die Julierhebung der Bolschewiken in Rußland niedergeschlagen und die erste Erklärung der österreichischen Reichskonferenz galt der Solidarität mit den besiegten Bolschewiken. Wenige Wochen später erzwangen die Linksradikalen bereits eine Demonstration in Wien. In Ternitz mußte Renner hinter einer Standarie einhergehen, auf der „Hoch die Zimmerwalder“ geschrieben stand. Die Brussilow-Offensive hatte es der österreichischen Sozialdemokratie unmöglich gemacht, für ihre menschewikischen Gesinnungsgenossen in Rußland einzutreten. Die Agitation der Bolschewiken hatte freie Bahn und der Aufruf der russischen Friedensdelegation in Brest-Litowsk beeinflußte die Psyche der Masse noch stärker als selbst die Nachricht von der Oktoberrevolution. Obwohl die Kundgebung „An alle!“ teils von der Zensur und teils von den Reformisten verstümmelt wurde, wußten die Arbeiter, was es bedeutet. „Brüder in Not, Rußland ruft, kämpft gegen den imperialistischen Krieg!“
Der illegale Arbeiter- und Soldatenrat
Am 30. Dezember waren die illegalen Gruppen zusammengetreten, um eine gemeinsame Aktionsleitung zu wählen. Der illegale Arbeiter- und Soldatenrat entstand. (…) In Wr.-Neustadt fand eine letzte Aussprache mit der legalen Linken statt. Der Bruch war endgültig. Die legalen Linken wollten eine „geistige Strömung innerhalb der Sozialdemokratie“ sein, die Linksradikalen eine Aktionsgemeinschaft. Die Verbindungen mit dem Traisental wurden angeknüpft, mit den Süd- und Ostbahnen ein ständiger Kontakt organisiert. Der erste Streikaufruf erschien.
„Lasst alle Räder stille stehen!“
Am 24. Jänner sollte nach dem Beschluss des Zentralaktionskomitees der Streik ausbrechen. Aufrufe an die Soldaten wurden vorbereitet, ein Manifest an die Bosniaken in zyrillischen und lateinischen Lettern vorbereitet. Am 12. Jänner hatte General Hoffmann in Brest-Litowsk den Diktatwillen der Mittelmächte verkündet: „Wir sind die Sieger und uns gebührt die Palme!“ Graf Czernin erzählt in seinen Erinnerungen, dass Joffe damals in der „milden theologischen Weise eines Rabbiners“ dem übermütigen Junker die Lehre erteilte: „Ach Exzellenz, Sie werden die Revolution bekommen.“ Die Gewaltfriedenspolitik der deutschen Junker und Schlotmagnaten, unterstützt von deren österreichischen Mitläufern, war ein warnendes Signal für die Arbeiter Österreichs.
Fieberhaft arbeiteten die Proletarier für die bevorstehende Aktion hinter dem Rücken der Parteileitung. Am 14. Jänner traten die Daimler-Werke in den Streik. Vor dem bestimmten Termin hatte sich der Unmut der Arbeiter in einer spontanen Aktion Bahn gebrochen. Die Vorbereitungsarbeiten kamen nun der entfesselten Streikbewegung zugute.
Der Jännerausstand
Renner eilte sofort nach Wiener Neustadt, um seine Autorität als Parteiführer und Mitglied der Ernährungskommission direkt in den Dienst der Landesverteidigung zu stellen. Zu spät! Es war kein Hungerkrawall mehr, das war die Auflehnung der proletarischen Massen gegen den imperialistischen Krieg! Fluchtartig musste Renner die Tribüne verlassen, die Revolutionäre ergriffen die Führung, Ternitz folgte nach. In Zehnergruppen zogen die Arbeiter der Schoeller-Werke von Fabrik zu Fabrik und rissen alle mit sich fort. Nach der Steiermark, nach Ungarn hinüber wurde die Botschaft getragen: Arbeiterdelegationen nach Brest-Litowsk. Friede an allen Fronten. Sturz der Regierung.
Am 16. Jänner folgten das Arsenal und die Goerzwerke. Die Fiat-Arbeiter schlossen sich an, und die Kremenetzky-Fabrik übernahm die Führung unter den Metallfabriken der Brigittenau. (…) Der Streik griff immer weiter um sich, und die alten Durchhaltesozialisten hatten nur die Wahl, sich an die Spitze der empörten Arbeitermassen zu stellen oder den Kontakt mit ihnen dauernd zu verlieren. Im Interesse der Landesverteidigung haben sie den ersteren Weg genommen.
Die Sabotage der Reformisten
Wohl wurde der Streik nun auch von den alten Führern proklamiert, nachdem er gegen ihren Willen entstanden, aber die lebensnotwendigen Betriebe, Bahnen und Bergwerke, Gas- und Elektrizitätswerke sowie die Straßenbahn sollten davon ausgenommen werden. Über die Köpfe der alten Führer brach sich die Bewegung Bahn, die Bergarbeiter schlossen sich an und demonstrierten für den Lenin-Frieden.
Die öffentlichen Arbeiterräte
Freitag, den 18. Jänner, war die Bewegung bereits über die Steiermark, Oberösterreich, Budapest und andere Teile Ungarns erstreckt. In den Bezirken entstanden Komitees zur Vereinheitlichung der Aktionen, Arbeiterräte wurden geschaffen. Gleich im ersten Aufruf hatten die alten Führer die Aufmerksamkeit der Arbeiter von den unmittelbaren Tagesforderungen abgelenkt, indem sie die „Reform des Gemeindewahlrechts“ unter die Bedingungen aufnahmen, auf Grund derer sie mit der Regierung verhandeln wollten. Die Lage spitzte sich zu, die Bosniaken (ein Aufruf der revolutionären Sozialisten an die Kmeten und Kmetensöhne erschien), welche in Wiener Neustadt gegen die Arbeiter aufgeboten wurden, fraternisierten mit ihnen. Eine Delegation der Daimlerarbeiter fuhr nach Berlin, wo die alten Sozialpatrioten, wie sie später selbst einbekannten, nur an die Spitze der Bewegung traten, „nur in das Streikkomitee hineingegangen sind im Interesse der Landesverteidigung“! Ebert (nach dem seine österreichischen Freunde jüngst eine ihrer schönsten städtischen Bauten genannt haben) erklärte später unumwunden vor dem Magdeburger Gericht: „Während des ganzen Krieges war ich gegen den Streik der Arbeiter in der Kriegsindustrie.“ Es war dies keine Lüge. Und auch die parlamentarischen Verhandlungen der Sozialdemokraten Österreichs dienten keinem anderen Zweck als der Beschwichtigung der Massen. Im Budgetausschuss hat schon am kritischen Freitag, während der Streik immer weiter um sich griff und sogar die klerikalen slowenischen Arbeiter im Zeichen des Selbstbestimmungsrechts der Völker sich anschlossen, Seitz eine Erklärung abgegeben. Er sprach im Namen seiner Partei dem Grafen Czernin, diesem Lakaien des deutschen Imperialismus, sein Vertrauen aus. „Die Sozialdemokraten haben wiederholt im Parlament, in Versammlungen wie in der Presse erklärt, dass sie das Vertrauen zum Grafen Czernin haben, dass er den Frieden will und anstrebt.“ Seitz forderte, „dass man den breiten Massen ehestens eine Versicherung geben muss, dass der Friede mit Russland nicht scheitern werde.“ Seitz forderte keine Garantien, er verlangte bloß eine „Versicherung“. Die sollte ihm werden.
„Ich hafte und bürge“
Graf Toggenburg gab beruhigende Erklärungen ab und pries den Grafen Czernin als den Mann, „der von seiner Überzeugung nicht einen Schritt abweicht, und wenn es ihn auch zum Bettler macht“. Er verglich ihn mit den russischen Revolutionären und leitete so die telegraphische Erklärung Czernins ein, die kurz und bündig erklärte: „Ich hafte und bürge, dass der Friede unsererseits nicht an Eroberungsabsichten scheitern wird. Wir wollen nichts von Russland, weder Gebietsabtretungen noch Kriegsentschädigungen.“ Die alten Führer begannen nun mit der aktiven Sabotage der Aktion. Hatten sie auch nicht verhindern können, dass die Eisenbahner über die Köpfe der Gewerkschaften hinweg sich anzuschließen wagten, so begann nun der Solidaritätsstreik der tschechischen Arbeiter. An den Fronten verbrüderten sich die österreichischen Soldaten mit den russischen, und selbst die „Ständige Delegation der Angestellten“ wurde mitgerissen. Schon wollten die Drucker den Druck der Kriegsanleihe einstellen. Schon wollten die Bankbeamten das Bankwesen stilllegen. Schon wankte der alte Staat ohne Munition und ohne Geld in seinen Grundfesten. Wenige Tage noch, und die Regierung musste kapitulieren. Da rettete Renner mit den übrigen Parteiführern das bedrohte Reich seines Kaisers, und die Führer der Sozialdemokratie begannen durch den Verrat am Proletariat die Grundlage zu „Österreichs Erneuerung“ zu legen.
 „Die Retter des Reiches“
In den äußeren Wiener Bezirken forderten die Linksradikalen den Abbruch der Verhandlungen mit der Regierung, und Renner klagte über die „unverantwortlichen Elemente“, während Ellenbogen über die „Radikalinskis“ schimpfte. Am 19. Jänner erschien das erste Mitteilungsblatt in der Wienzeile. Der Verrat begann. „Graf Czernin haftet und bürgt“, lautete die Überschrift eines Artikels, „der Parteivorstand nimmt die Erklärung mit Genugtuung zur Kenntnis und erkennt ihre Entschiedenheit an“. Eine Deputation sprach beim Ministerpräsidenten Seidler vor, und der Minister war sehr freundlich. Schon am nächsten Tag konnte man in Fettdruck lesen: „Es ist der sehnlichste Wunsch Seiner Majestät, ehebaldigst den Krieg durch einen ehrenvollen Frieden zu beenden.“ Die Arbeiter aber ließen sich nicht irreführen und kämpften weiter.
Abgewürgt!
In der Nacht vom 19. auf den 20. Jänner trat der Arbeiterrat zusammen. In endlosen Debatten bis halb vier Uhr früh wurden die Arbeiter niedergeredet, und Seitz verkündete die Notwendigkeit der Arbeitsaufnahme. Mit 308 gegen 2 Stimmen haben die Wiener Vertrauensmänner vor dem Diktat ihrer Führer kapituliert und damit das Joch des Imperialismus wieder auf sich genommen. In der Nacht hatte Otto Bauer zwei Ausgaben der Zeitung vorbereitet, eine für die Fortsetzung und eine für die Abwürgung des Kampfes. Die Abwürgnummer kam rechtzeitig heraus, und der Parteivorstand forderte die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit. Die Vertreter des Wiener-Neustädter Reviers protestierten und setzten den Kampf als Demonstration gegen die Partei- und Gewerkschaftsführer fort.
Die Arbeiter wehren sich
Mit übermenschlicher Anstrengung gelang es dem illegalen Arbeiter- und Soldatenrat, den größten Teil der Wiener Arbeiter zum Durchhalten zu bewegen. Trotz aller irreführenden Nachrichten der „Arbeiter-Zeitung“ verharrte am 21. Jänner die Rothmüller-Fabrik im Streik, die Arsenalarbeiter kehrten nicht in den Betrieb zurück, und die Fiat-Werke erklärten sich solidarisch. Der Druck der Bürokratie hatte aber noch einmal das wankende System des Imperialismus gerettet. Mit List und Gewalt zwang man die Arbeiter zur Wiederaufnahme der Arbeit, und am 22. erschien der letzte Kampfaufruf des linksradikalen Aktionsausschusses: „Verraten und verkauft“.
Der Sieg der Patrioten
Die Sozialpatrioten triumphierten, die „verantwortlichen Elemente“ hatten gesiegt. Am 24. kehrte auch Ternitz zur Arbeit zurück. Kurze Zeit später konnte Renner melancholisch feststellen: dass weder die Militarisierung der Betriebe aufgehoben, noch das Gemeindewahlrecht verbessert war.
In Brest-Litowsk aber diktierten Deutschland und Österreich den russischen Arbeitern ihren brutalen Gewaltfrieden, trotz Kaiserwort und Ministerversprechen.
Fast das ganze Aktionskomitee wurde eingekerkert, und in einer Broschüre „Um Friede, Freiheit und Recht“ verleumdete Renner die Schlachtopfer seiner Politik. In der Stunde der Gefahr haben die „verantwortungsvollen“ Führer der österreichischen Arbeiterschaft nach einem heroischen Kampfe der proletarischen Massen vor dem Klassenfeind kapituliert. Die Helden des Burgfriedens sind die Helden des Bürgerfriedens geworden. Der 15. Juli hat vollendet, was der 20. Jänner begann: Die Kapitulation des Reformismus vor dem Klassenfeind, die Preisgabe des revolutionären Proletariats durch seine traditionellen Führer. Karl Renner ist heute so wie vor zehn Jahren der eigentliche Sieger. Otto Bauer muss die marxistische Begründung für die Taktik der „Klassenharmonie“ zu konstruieren suchen. In den Reihen der österreichischen Arbeiter aber, die sich vor zehn Jahren gegen den Gewaltapparat der Habsburger erhoben, lebt die Parole fort, die Lenin in seiner Deklaration der Zimmerwalder Linken den Arbeitern aller Länder zugerufen:
„Kampf um den Sozialismus oder Degeneration. Es gibt kein Drittes.“