Thanassis Papariga: Der islamische Fundamentalismus

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Neuveröffentlichung des größten Teils des Artikels aus der “Communist Review” – KOMEP (Ausgabe 1, 1996)
Der Islamismus ist eine Strömung politischer und ideologischer Natur, die in den letzten Jahren große Ausmaße angenommen hat. Wie der Name schon sagt, taucht er mit einem Epizentrum in den Ländern der arabisch-islamischen Zivilisation auf, d.h. in Ländern, wo die Bevölkerung ganz oder überwiegend muslimisch ist. Seine Form ist die Form der “Islamischen Renaissance” und die Schaffung einer totalitären Gesellschaft mit dem Ausgangspunkt der “Scharia” (heiliges Gesetz des Korans). Die große Verbreitung des Islamismus ist in der Existenz eines sehr großen Teils der Menschheit, die Erben der islamischen Tradition sind, begründet. Heute übersteigt die Zahl der Muslime weltweit sicherlich 1.000.000.000, während es viele Länder gibt, die ganz oder überwiegend muslimisch sind. Es ist nicht ohne Interesse zu beobachten, dass es für gewöhnlich muslimische Gesellschaften sind, die heute auch die intensivste demografische Bewegung zeigen. Genauere Untersuchungen könnten zeigen, dass der Islamismus kein ganz neues Phänomen ist. Im Prinzip ist die religiöse Form politischer Gegensätze im allgemeinen nicht neu. In der Tat ist auch die “islamische” Form solcher Gegensätze nicht neu.
Wenn man es aus einer rein historischen Perspektive betrachtet, gab eine solche Vorherrschaft auch im Nahen Osten des 6. bis 7. Jahrhunderts, und alle heutigen Historiker wissen wie ereignisreich sie von sich aus war und auch von Seiten derer, die ihr vorausgegangen waren. Sogar in der heutigen Zeit ist dies nicht etwas völlig neues. Solche Phänomene hatten wir zum Beispiel in der Zeit der kolonialen Expansion des europäischen Kapitalismus. Umfassender erschienen sie in der Zeit der Entwicklung des kapitalistischen Imperialismus. Sie nahmen zu einem großen Teil genau die Form der “Invasion” gegenüber den islamischen Gesellschaften des Ostens an. Seit mehreren Jahrzehnten wirkt im arabischen Raum und vielleicht nicht nur des arabisch-islamischen Ostens die Organisation der “al-Ichwan al-Muslimun” (Muslimbrüder). Sie ist eine Organisation, deren geheimnisvoller und unsichtbarer Charakter seltsam damit verknüpft ist, dass sie überall bekannt ist und über große und unerschöpfliche Ressourcen zu verfügen scheint. Sicher ist, dass sie über umfangreiche Verbindungen verfügt, die nicht nur das, was wir wissen, sondern sehr wahrscheinlich auch das, was wir uns vorstellen können, übersteigen. Die Tendenz zur Schaffung von islamisch-totalitären staatlichen Formationen ist nicht neu und tauchte nicht, wie allgemein angenommen, im Iran im Jahr 1979 auf. In Saudi-Arabien, zum Beispiel, war es sehr offensichtlich und in der Tat seit vielen Jahren bekannt. Einige Erscheinungen eines eigentümlichen islamischen Totalitarismus gab es in der Vergangenheit unter unerwarteten Umständen und sie gingen dann, zumindest von der breiten Öffentlichkeit, eher unbemerkt, vorüber. Als ein solches Ereignis, können wir (und vielleicht müssen wir) die Aktivität von Malcolm Little (bekannter als “Malcolm X”) in den USA in den frühen 60er Jahren betrachten. Dieser bekannte Schwarzenführer in den USA wandte sich zum Islam und ging auch nach Mekka, wo er niederkniete. Die Organisation, deren Führer er war, wurde “Black Muslims” genannt. Er begann sogar eine Zeitung mit dem Titel “Muhammad speaks” ( Muhammad spricht) herauszugeben. Die Natur des Islamismus ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. Bis zu einem gewissen Grad ein unvermeidliches Ergebnis der historischen Entwicklung, das es auf jeden Fall und unter jeden Umständen gegeben hätte. Wir können beispielsweise nicht ernsthaft und ehrbar von der arabisch-islamischen Kultur, die ein riesiges und in der Tat weltweites Ausmaß annahm, verlangen, keinen politisch-ideologischen Einfluss zu haben. Unter bestimmten Umständen ist der Islamismus eine Äußerung, mit verschiedenen Graden des bewussten Ausdrucks der “historischen Reflexe” verschiedener Kräfte. 1. Es gibt keinen Zweifel, dass in den Augen der breiten Massen der Arbeiter, der Islam eine massive Reaktion auf die Übel der imperialistischen Expansion ist. Diese Expansion hat für die Völker schmerzhafte Folgen. Dieser Kurs wird auch durch umfangreiche Katastrophenereignisse charakterisiert, durch eine Spannung, die oft gefährlich und bedrohlich ist, durch Ausbeutung, die immer noch schwerer wird, gerade weil sie eine “fremde” ist. Das Eindringen des Imperialismus wird vom Auftreten oft extremer nationaler Unterdrückung und Erniedrigung begleitet, von der Umwandlung (und, schlimmer noch, vom Gefühl der Umwandlung) in “Menschen zweiten Ranges”. Die “Rückkehr zum Islam” ist somit ein Werkzeug des Widerstandes, ein Mittel der Begegnung mit einer Realität, die immer unerträglicher wird, immer unterdrückender. Der religiöse Puritanismus wird das Mittel zur Ablehnung des provozierenden Luxus der reichen Ausbeuter und ihrer ausländischen Partner, sowie zum Symbol für das Abschütteln der ethnischen, religiösen und kirchlichen Entfremdung. Dies zeigt sich unserer Meinung nach im bereits gut bekannten, weit verbreiteten und etablierten Kopftuch, das von muslimischen Frauen getragen wird. Es wäre, unserer Meinung nach, ein sehr schwerer Fehler zu glauben, dass es hier um eine oberflächliche Tatsache geht, die nur von den verschiedenartigen Druckmechanismen auferlegt wird. Es handelt sich vielmehr um ein Phänomen mit tiefsten Wurzeln. Dieser Aspekt des Islamismus, nämlich die massive Reaktion auf imperialistischen Versklavung und kapitalistische Ausbeutung, erklärt zweifellos die heftige Kritik vieler seiner Vertreter an der kapitalistischen Gesellschaft. Eine Kritik, nebenbei bemerkt, von der niemand behaupten kann, dass sie nicht auf einer oft sehr bitteren Erfahrung basiert. 2. Auf eine oft “anormale” Weise, wenn wir es mit dem entsprechenden Verlauf in Europa vergleichen, ist der Kapitalismus auch in den islamischen Gesellschaften vorangeschritten, wenn auch ungleichmäßig und manchmal nicht in die gleiche Richtung. In solchen Gesellschaften ist das besondere (und vorherrschende) Element der Entwicklung des Kapitalismus das imperialistische Eindringen. Ob dieses vorherrschende Eindringen ein dauerhaftes Element ist oder nicht, muss sich noch erweisen, sicher aber ist, dass in den entscheidenden Momenten der kapitalistischen Entwicklung in den muslimischen Ländern, die Rolle des Imperialismus entscheidend war. Das imperialistische Eindringen, sogar noch unter sklavenhaften Bedingungen, bringt die Modernisierung mit sich, genauer gesagt, den Trend zur Modernisierung. Ein sehr unregelmäßiger und ungleicher Trend, der sehr teuer bezahlt wird, der sehr intensive, gefährliche oder sogar bedrohliche Eigenschaften hat, der aber real ist. Dieser Trend nahm in der Zeit des Wettbewerbs der beiden Systeme, als der Imperialismus gezwungen war, eine Reihe von oft beträchtlichen Konzessionen zu machen, eine neue Qualität an, und bekam in den 70er Jahren, als die Ölkrise in der islamischen Region, vor allem in den arabischen Ländern viel Kapital anhäufte, noch viele neue Qualitäten hinzu. Der Zustrom dieses Kapitals gab den gesellschaftlichen Prozessen zur Entstehung neuer sozialer Kräfte neue Impulse.
Im arabischen Raum wurde die Art “Rentierstaat” geschaffen, auf den Lenin und andere Gelehrte des Imperialismus im frühen 20. Jahrhunderts verweisen, vielleicht in einer sogar noch umfassenderen Form. Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Staaten, die keine große Fläche oder Bevölkerung haben, aber große Öleinnahmen, wie zum Beispiel Kuwait, Bahrain, Katar, Oman usw., nur von den Investitionen, die sie mit den Erträgen aus dem Ölgeschäft auf dem globalen Markt tätigen, leben könnten, auch ohne ihre Ölexporte fortzusetzen. Es war unmöglich, dass diese Entwicklung nicht Schichten erzeugte, die “etwas werden” wollten, die eine wichtige Rolle in den internationalen Angelegenheiten spielen wollten, wenn nicht sogar den Platz des Imperialismus einnehmen. Darüber hinaus ist das Phänomen der “Erneuerung – und – Mobilisierung” der verschiedenen Schichten und Seiten des bürgerlichen Elements der arabischen Welt in den letzten Jahrzehnten bereits offensichtlich. Es gibt mehr oder weniger klare Hinweise darauf, dass die umfassendste Form der islamistischen Strömung gerade in den mittleren Schichten jener Gesellschaften wurzelt, die ihn aus vielen Gründen benötigen. Dieses Phänomen hat oft zuallererst mit den inneren Widersprüchen dieser Kräfte zu tun. Dies zeigte sich im Iran. In einem Land, mit einer relativ “weichen”, – im Sinne der Ähnlichkeit mit dem europäischen Kurs – , Entwicklung des Kapitalismus, wo aber das Hauptmerkmal die fremde Invasion ist, haben wir zwangsläufig das Phänomen der Ausbreitung einer “dualen Gesellschaft”. Mit anderen Worten, die Schaffung von “doppelten” Schichten, oder genauer gesagt, Schichten zweier Kategorien: a) Auf der einen Seite jene Schichten, die mit den traditionellen Sektoren verbunden sind, vor allem Handel, Handwerk und Landwirtschaft, die die Träger der “östlichen” und islamischen Traditionen des Landes sind. b) Auf der anderen Seite die Schichten, die den moderneren Sektoren zugehören, vor allem der Industrie und vor allem dem starken staatlichen Sektor, der Importe usw. Diese Schichten sind aufgrund ihrer Beschäftigung von Natur aus mit dem “Westen” verbunden – genauer gesagt, zu ihm hingewendet. Wir sprechen nicht nur über verschiedene Schichten, die einander gegenüberstehen. Hier haben wir es nicht nur zu tun mit dem in Europa bekannten Phänomen der Kontroversen verschiedener Schichten der Bourgeoisie (zB gewerbliches und industrielles Kapital). Wir haben es mit dem Phänomen der Konfrontation von Teilen der Bourgeoisie zu tun, deren Entwicklungsprozess in erster Linie eng mit dem nationalen Problem verknüpft ist, wie es in der Epoche des Imperialismus auftaucht. Wir sprechen von “doppelten” Schichten, d.h. einem “doppelten” Großbürgertum, “doppelten” Schichten vom Rest der Bourgeoisie, “doppelten” Mittelklassen, aber auch von einer bis zu einem gewissen Grad “doppelten” Arbeiterklasse und einiges kleiner, “doppelten” Bauernschaft. Im Iran, wie auch in vielen anderen Ländern (bis zu einem gewissen Umfang unter vollkommen anderen Bedingungen und in Griechenland), tritt dieses Phänomen (oder trat es zumindest) sehr klar auf. Diese doppelte Konfiguration war noch intensiver in der Mittelschicht der iranischen Gesellschaft, und wurde manchmal auch im Bereich der Politik sichtbar, wie es, nach einigen Meinungen, beim Attentat auf Schapur Bachtiar zu Tage trat. Sicher ist das keine blinde und abstrakte Gegenüberstellung. Diese Teile der verschiedenen Schichten haben, zu einem gewissen Grad, unterschiedliche Interessen und haben eine unterschiedliche wirtschaftliche, und in einen noch größeren Ausmaß, ideologische Ausformung. Auf der anderen Seite, bedeuten die (realen) Widersprüche zwischen ihnen überhaupt nicht vollständigen Gegensatz. Zwischen ihnen gibt es Punkte völliger Übereinstimmung. Offensichtlich konnten solche Punkte keine allgemeinen Themen sein, wie zum Beispiel die Erhaltung und Bewahrung des kapitalistischen Systems. Aber auch andere, sehr wichtige Themen, wie zum Beispiel die Bestrebungen des Irans zu einer großen regionalen oder sogar globalen Macht zu werden. In der Praxis drückte ihre Vereinbarung ihre Gegensätze aus. Jede Seite nahm, bis zu einem gewissen Grad, gegenüber der anderen eine ablehnende Haltung ein, weil ihre eigene Natur sie glauben ließ, dass sie und nicht die andere die gemeinsamen Ziele am besten erreichen könnte. Außerdem spielte natürlich die verschiedenen Bündnissysteme, die Massenbasis usw. eine Rolle. Die Konfrontation zwischen ihnen zeigte, dass die “muslimische” Seite stärker war und zwar viel stärker. Zu beachten ist, dass wir, wenn wir “Muslime” sagen, es im politischen Sinn meinen, denn in Bezug auf die historische Tradition, sind beide Seiten Muslime. Der Schah und seine Stabsoffiziere, die verfolgt oder auch hingerichtet wurden, waren genauso Muslime wie Ayatollah Khomeini und seine eigene Stabsoffiziere. Nach dem Sieg der Revolution im Jahr 1980 kamen die Unterschiede der “dualen Gesellschaft” in einem charakteristischen Kippen des Gleichgewichts innerhalb der herrschenden Schichten ans Tageslicht. Es wurde eine deutliche Verschiebung der Herrschaft von den auf die Industrie orientierten Schichten hin zu den Schichten, die sich auf den Handel hin orientierten beobachtet (die berühmten BAZARIS, lange Zeit die tragende Säule des islamischen Regimes). Es gibt starke Faktoren, dass das, was wir jetzt in seiner entwickelteren Form, Islamismus nennen, von einigen arabischen Regierungen als Gegengewicht zu den engen Beziehungen zur UdSSR verwendet wurde, welche das Bündnis mit ihr erschaffen hatte. Das wurde in Ägypten sehr deutlich. Dort wurde der Islamismus (genauer gesagt, die Verkündigung des Islams) zum systematischen Organ des Systems, um die Abschreckung vor einer revolutionären Umwandlung in der Konfrontation mit dem Imperialismus zu gewährleisten. Das Nasser-Régime, obwohl es viele Jahren sehr harte Maßnahmen ergriff gegen widerspenstige islamische Elemente, die in Ägypten eines ihrer wichtigsten Zentren hatten, benutzte auf der anderen Seite seine Taktik als Barriere gegen jede Macht, die es gewagt hätte, ihre Politik weiter zu treiben, als es für notwendig und ausreichend erachtet wurde. In Ägypten wurde sehr klar, dass “der Islamismus vor dem Islamismus” als Instrument der Mittelschichten der arabischen Länder verwendet wurde. Ein weiteres solches Beispiel haben wir in Algerien. Eine der großen und langjährigen Kampagnen des unabhängigen Algeriens war die “Arabisierung des Landes”. Die Motive dieser Kampagne sind viele und vielfältig. Eines davon ist, ohne Frage, die Angst vor der realen Gefahr der Beseitigung des arabischen Charakters des Landes. Es genügt zu sagen, dass in den frühen 60er Jahren, bei einer Bevölkerung von nicht mehr als 10 Millionen, 2,5 Millionen direkter europäischer Abstammung waren und ein großer Teil (vielleicht sogar eine Mehrheit) der einheimischen Bevölkerung nur Französisch sprach. Diese Kampagne war jedoch nicht nur eine Arabisierungskampagne, sie war sehr offensichtlich auch eine “Islamisierungskampagne”. Dies wurde aus den Symbolen deutlich, die auch auf der Flagge des unabhängigen Algeriens verwendet wurden. Die langfristigen Folgen sind heute sichtbar. Es gibt sehr gute Gründe zu glauben, dass der Islamismus von den mittleren und oberen Schichten der arabischen, und später der muslimischen Länder allgemein, als Gegengewicht zur Emanzipation der Arbeiterklasse und aller Arbeitnehmer verwendet wurde. Diese Anwendung ist, wie immer, komplex und nicht immer einfach zu erfassen. Das direkteste Beispiel ist, wenn man so sagen kann, die “organisatorische” Anwendung. Im Iran zum Beispiel sehen wir, dass in den 15 Jahren der Islamischen Republik die Kapitalisten nicht verloren gingen, im Gegenteil, alles zeigt, dass sie gewonnen haben, während sich die Lage der Arbeitnehmer nicht aufhörte zu verschlechtern. Die Arbeiter konnten keine Rechte hinzugewinnen und die “Islamischen Räte”, die in den Unternehmen geschaffen worden waren, erwiesen sich als Institutionen zur Verstärkung der Ausbeutung. Arbeiter, die sich widersetzten, wurden rüc
ksichtslos ausgeschaltet. In anderen Fällen ist die Anwendung nicht so offensichtlich. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Präferenz, welche die Mittel- und Oberschichten der muslimischen Länder für den Islamismus hat, eine tiefere ideologische Bedeutung aufweist: Die Akzeptanz der rebellischen Prediger des Islamismus, aber nur, wenn es zu ihrem Vorteil ist. Das heißt, sofern er die Form der Transformation des Islam in einen fiktive “geschlossene” Welt hat, wo Ausbeutung, sagen wir einmal, gut ist, wenn sie “islamisch” ist. So öffnet sich der Weg die sozialistischen, marxistischen usw. Ideen als “fremd”, “unislamisch” usw. zu charakterisieren. Dies ist außerdem eine Taktik der Bourgeoisie auch außerhalb der islamischen Länder, wie zum Beispiel in Lateinamerika.